Opfer

(Roman, 275 Seiten, unveröffentlicht)

Laras frühere Mitschülerin Valerie wird von der eigenen Mutter niedergestochen und schwer verletzt. Aus Notwehr, wie die Mutter vor Gericht behauptet, und alle glauben ihr. Nur Lara zweifelt an dieser Version. Valerie war ihre heimliche große Liebe. Sie forscht nach, steigt hinab in die Abgründe einer krankhaften Mutterseele und in ihre eigene von Geheimnissen durchzogene Vergangenheit - die Schulzeit in einer katholischen Mädchenschule.

Schwester Hildegund scheucht alle Schülerinnen in die fensterlose Umkleidekabine. Valérie entwischt. Sie will aufs Klo, sich dort umziehen, wie immer, aber Schwester Hildegund stellt sich ihr in den Weg.

Valérie, was soll das?, fragt sie. Zieh dich gefälligst mit den anderen Mädchen um.  

Das gehört sich nicht, sagt Valérie und reckt das Kinn noch ein Stück höher. Außerdem habe ich meine Periode!

Ihre Stimme klingt fest, aber Lara kann sehen, wie ihre Finger an ihrem Rock zupfen. Lehrerin und Schülerin starren sich an, mit angehaltenem Atem, bis Schwester Hildegund seufzt und Valérie vorbeilässt.

Na klar, Madame Extra-Wurst, zischt Kia und zieht sich ihr T-Shirt über den Kopf. Niemals hat die ihre Periode. Das erfindet die doch, genau wie ihre ganzen Krankheiten.

Kias Haut sieht aus wie Marzipan, denkt Lara. Sie würde gerne Stücke davon herauszupfen und in ihren Handflächen Kugeln daraus kneten.

Oh mein Gott, was stinkt hier so!

Kia rümpft die Nase und hält sich das T-Shirt vors Gesicht. Lara weiß, was sie meint. Es riecht sauer und schwer, wie wenn Laras Mutter Kohl einlegt. Aber es ist kein Sauerkraut, sondern Laras Körper. Seit Wochen begleitet sie dieser Gestank. Waschen hilft nichts. Lara schwitzt unter den Armen, am Rücken und im Bauchnabel. Ihr Körper stinkt, juckt und brodelt. Wenn sie in den Spiegel guckt, starrt sie ein Monster an, mit Pickeln an Stirn und Kinn und schwarzen Mitessern auf der Nase. Als würde etwas aus ihr herausbrechen. Das schlimmste sind die zwei Knubbel auf ihrer Brust. Hart wie Steinchen fühlen sie sich an. Breiten sie sich unter der Haut aus und tun weh, wenn sie darauf herumdrückt. Jeden Morgen, wenn sie aufwacht, tastet sie nach ihnen. Erschrickt, dass sie über Nacht größer geworden sind. Beim Umziehen dreht sie Kia den Rücken zu und wirft sich schnell ein XXL-T-Shirt über.

Guck dir das an, flüstert Kia und zeigt in die gegenüberliegende Ecke. Dort steht Natascha. Ihr sind schwere Brüste gewachsen, scheinbar über die Osterferien. Plötzlich hängen sie da, wo vorher nur glatte Haut gewesen ist. Sie legt ein Gewirr aus Schnallen und Riemen um ihren Brustkorb. Versucht, ihre Brüste hineinzustopfen, doch die rutschen immer wieder heraus. Nach unten, zur Seite, wo auch immer sie ein Schlupfloch finden, presst sich der Hautteig hindurch.

Das ist ein Sport-BH, erklärt sie, als die Blicke der anderen bemerkt. Den hat mir meine Mutti gekauft.

Ihre Arme werkeln hinterm Rücken herum. Versuchen, die Ösen und Haken zusammenzuführen. Aber sie rutscht immer wieder ab.

Kann mir jemand helfen?

Der saure Gestank ist schlimmer geworden. Das bin nicht nur ich, denkt Lara. Auch die anderen stinken so. All diese Mädchenkörper sind außer Kontrolle geraten. Als hätte jemand einen Vorhang weggezogen sieht sie plötzlich, wie alle sich verändert haben. Jedem Mädchen ist ein neuer Körper gewachsen.

Nur Kia steckt noch in ihrem alten Kinderkörper, der sich in die Länge zieht, aber nicht üppiger wird, nicht runder. Der nicht zu den Seiten ausschert. Kia stinkt auch nicht, das weiß Lara, weil sie, als sie sich umarmt haben, heimlich ihre Nase unter die Achsel der Freundin gebohrt und ihren Geruch eingesaugt hat. Kia riecht nach Babypuder, nach Nivea Creme und Zuckerwatte.

Valérie stolziert vorbei, vom Klo durch die Umkleide Richtung Turnhalle. In Rüschen-Turnanzug und Ballettschläppchen. Sie schielt zu Natascha, an deren BH-Geschirr nun drei andere Mädchen hängen, um gemeinsam die Haken zu schließen. Auch Valéries Körper hat sich verändert. Ihr Hintern ist noch dicker geworden, rund und prall steht er nach hinten ab und wackelt bei jedem ihrer energischen Schritte hin und her, als hätte er ein Eigenleben. Zwei kleine Hügel zeichnen sich unter ihrem Turnanzug ab, die gleichen, die auch Lara auf ihrer Brust hat, nur Valérie trägt sie mit Stolz vor sich her. Wie ihr Körper wohl nackt aussieht? Sofort schämt Lara sich für diesen Gedanken. Man stellt sich nicht andere nackig vor. Schon gar nicht Valérie.

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