Mutter Seelen Allein
(Roman, 213 Seiten, unveröffentlicht)
Kurz nach der Geburt der gemeinsamen Tochter wird Pauline sitzengelassen – und ausgerechnet ihre übergriffige Mutter Oda zieht bei ihr ein. Zwischen gegenseitigen Vorwürfen, Paulines postnataler Depression und alten Verletzungen eskaliert der seit Jahren schwelende Mutter-Tochter-Konflikt. Und mittendrin Vivian, das Baby, stumm, aber mit wachen Augen, die alles speichert, was einmal Teil von ihr sein wird.
Der Roman wird nacheinander von Pauline, Oda und Vivian erzählt: drei Generationen, drei Perspektiven, eine gemeinsame Geschichte.
Hey Pauline!
Der Ruf quer über den Schlossplatz hinweg, über die Skater und Punks, die sich auf den warmen Pflastersteinen in der Sonne baden. Kurz überlegt Pauline, einfach weiterzulaufen. Den Ruf zu ignorieren. Manu zu ignorieren, den sie natürlich längst gesehen hat. Er mit seiner gesamten Familie im Schlepptau. Aber es ist zu spät. Sie kommen schon auf Pauline zu. Manu strahlt übers ganze Gesicht, er hat nochmal zugenommen, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hat und trägt den Jüngsten festverschnürt in einem bunten Tragetuch vor sich her. Es sieht aus, als sei das Baby mit ihm verwachsen, als ragten zwei Ärmchen, zwei Beinchen und ein Kopf direkt aus Manus Kugelbauch heraus. Lang, viel zu lang sind die Gliedmaßen, gar kein Baby mehr, ein Kleinkind. Warum trägt er es noch im Tuch? Und wie er aussieht, unrasiert, die dünnen Haare kleben platt auf dem Schädel. Die Brille sitzt schief auf der Nase. Jedes Mal wundert sich Pauline, wie Manu der Bruder von Lukas sein kann. Leider alle Nieten in der Genlotterie gezogen, so rein von der Optik her, sagt Sigrid immer über ihren Ältesten. Neben Manu Roxanna, die mehr watschelt als sie läuft, reingezwängt in ein wild geblümtes Blutsgeschwister-Kleid, Riemchensandalen, der zerrupfte Dutt wie ein verlassenes Vogelnest. Die Mamsell, nennt Lukas sie immer. Kaltmamsell, Wutmamsell, Dickmamsell, Tuppermamsell, Croc-Mamsell, je nachdem, was gerade passt. Mamsell schiebt den Buggy, an dem der Sonnenschutz so tief runtergeklappt ist, dass nur der Unterkörper des darin liegenden Kindes zu sehen sind. Zwei nackte, braungebrannte Beine. Schorfverkrustete Knie. Sie gehören dem mittleren Kind, einem Mädchen, Pauline hat den Namen vergessen. Am Buggy hängen Tüten, H&M, TK Maxx, Uniqlo, prall gefüllt mit Billigklamotten. Pauline hat schon den Formaldehyd-Geruch in der Nase, außerdem etwas Süßliches. Erdbeermarmelade. Aprikosenmus. Bestimmt eines dieser Quetschies, die sie ihren Kids ständig einflößen, da können sie gleich Quetschie-Infusionen legen, bei den Mengen. Der älteste Sohn fährt auf einem Tretroller hinterher. Seinen Namen kann Pauline sich merken, wahrscheinlich Finn, weil gerade jeder biodeutsche Junge so heißt.
Wie schön dich zu sehen, ruft Manu zu laut, als stünde er noch auf der anderen Seite des Platzes und nicht direkt vor ihr. Wie geht es dir?
Gut.
Roxanna beugt sich über Paulines Kinderwagen, zirpt verzückt, als sie das Baby sieht.
Schau Manu, wie ist die groß geworden, ein richtiger Sonnenschein!
Mama, brüllt Finn aus der Ferne, aber seine Eltern reagieren nicht.
Und wie geht’s euch?, fragt Pauline.
Alles fein, machen gerade Großeinkauf. Kinder wachsen wie Unkraut, das werdet ihr noch merken.
Die beiden lachen sich an, sie legt ihre Hand auf seine Schulter, er greift danach, küsst ihre kurzen, knubbeligen Finger. Baby-Bauch und Quetsch-Mamsell. Die perfekte Harmonie. Im Hintergrund scheucht Finn mit seinem Roller die Tauben auf.
Habt ihr euch denn schon eingegroovt?, fragt Roxanna.
Es geht, sagt Pauline und bereut es sofort. Denn gleich wird es Ratschläge regnen. Sie spannt ihr Lächeln auf wie einen Schirm und lässt es über sich ergehen. Wickelroutine, Stillroutine, Schlafroutine. Tragen, Spielen, Schaukeln, aber nicht zu viel. Keine Reizüberflutung, um Himmelswillen. Beißringe und Greifspielzeug. Frische Luft, aber keinen Zug. Das Immunsystem fördern, aber nicht überfordern.
Mama, brüllt Finn, diesmal lauter und Roxanna dreht sich zu ihm herum, den Finger auf den Lippen.
Bald ist meine Elternzeit vorbei, sagt Manu. Dann beginnt der Ernst des Lebens.
Erzähl doch nichts, du freust dich auf die Arbeit, sagt Roxanna und lacht. Schön chillen im Lehrerzimmer. So ein Baby ist ein Fulltime-Job.
Wie geht es Lukas?, fragt Pauline und hält die Luft an.
Manu wirft einen Blick zu Roxanna, die hält sich die Hand vor den Mund.
Aber Pauline, wir… ist alles in Ordnung?
Ja, wieso?
Weil wir… also wir haben Lukas seit drei Monaten nicht mehr gesehen.
Manus Worte kommen schleppend, zögerlich, so als würden sie sich nicht raustrauen. Während er spricht, streichelt er dem Babybündel über den Rücken.
Seit wir bei euch zu Besuch waren, haben wir ihn nicht gesehen, oder Roxy? So ist es doch?
Roxanna beißt sich in die Faust und nickt.
Aber er wohnt doch bei euch?
Wie bei uns? Ist er etwa bei dir ausgezogen?
Dieses Schwein, zischt Roxanna hinter ihrer Faust. Manu rempelt sie an.
Pst, die Kinder!
Ist doch wahr!
Paulines Knie geben nach. Sie umklammert den Schiebebügel des Kinderwagens. Beißt die Zähne fest zusammen.
Papa, ruft Finn. Papa!
Gleich, Schatz, antwortet Roxanna, ohne sich zu ihrem Sohn umzudrehen.
Es tut mir leid, Pauline, sagt Manu und reibt hektisch den Babyrücken. Lukas war schon immer ein…
Arschloch! Sags doch, wies ist. Dein Bruder ist ein Arschloch.
Mensch, das hilft doch jetzt nichts.
A-Loch darf man nicht sagen, schreit Finn und fährt Slalom um die Punks. Die johlen und feuern ihn an –schneller, schneller, weiter. Hey ho, let’s go, Kleiner. Du hast es drauf!
Immer musst du Lukas in Schutz nehmen. Genau wie deine Mutter!
Roxanna! Lass jetzt gut sein.
Mama, ich hab Durst.
Unter dem Sonnenschirm im Buggy kommt eine klebrig-nasse Hand hervor und zupft am Blümchenkleid. Roxanna kramt in ihrer Umhängetasche und zieht eine zerbeulte Sigg-Trinkflasche heraus.
Es tut mir leid, sagt Manu noch einmal. Wenn wir was für dich tun können, ruf uns an.
Ok.
Roxanna will sie zum Abschied umarmen, aber Paulines Hände umklammern den Schiebebügel, können nicht loslassen. Also lässt Roxanna ihre ausgestreckte Arme wieder sinken. Sie kniet sich hin, um dem mittleren Kind den Mund abzutupfen.
Ma-MA, motzt das Mädchen und schlägt das Taschentuch der Mutter weg.
Ruf an, wenn du Hilfe brauchst, sagt Manu. Ich meine es ernst.
Pauline starrt auf seinen Kugelbauch, der zuckt und bebt und es dauert einen Moment, bis Pauline begreift, dass es das Kleinkind ist, das sich in seinem Tuch windet. Wie sollen die ihr helfen? Gleich laden sie ihre Formaldehyd-Tüten in den Touran, drücken sich durch den Feierabendverkehr stadtauswärts bis zu ihrem Dingen-Kaff und dort schlüpfen sie dann in ihre Crocs, lassen die Tür hinter sich zu- und sich selbst auf die Couch fallen. Was Routinen nicht richten, regeln die Quetschies. Heile heile Welt. Paulines Gedanken wuchern über ihren Kopf hinaus, wie Tentakeln strecken sie sich aus, raus in die Welt. Rein in Finns kleine Räder, die verhaken, im Pflaster stecken bleiben. Peng, haut es den Jungen auf die Steine. Seine Eltern zucken zusammen. Roxanna rennt los. Drei, zwei, eins – Finn wirft die Sirene an, sein grellrotes Heulen zerreißt den ganzen Platz.
Dieser Roman ist bislang unveröffentlicht. Bei der Verlagssuche unterstützt mich die Literaturagentur Keil&Keil
Für das Projekt habe ich ein Stipendium des Förderkreises der Schriftsteller:innen in Baden-Württemberg bekommen. Herzlichen Dank auch an dieser Stelle dafür.
Mutter Seelen Allein (Roman, 210 Seiten)