Morgen gibt es doch nicht

(Kurzgeschichte, veröffentlich in “gestern morgen”, Anthologie des Literaturpreises des Bezirks Schwaben, 2018 ISBN: 978-3-95786-345-4)

Ich kann fliegen, ruft Sam und lehnt sich so weit auf der Schaukel zurück, dass ihre Haare auf dem Boden schleifen. Am höchsten Punkt schnellen die Ketten zurück, die Schaukel hüpft und für einen Moment glaubt Jessica, dass Sam in die Höhe katapultiert wird, über das Spielgerüst hinweg. Hoch in den Himmel. Sie kennt die Waghalsigkeit ihrer Freundin nur zu gut, bewundert ihren Mut, ohne ihn zu verstehen. Wie oft hat Sam sich schon etwas gebrochen? Beide Schlüsselbeine, das Handgelenk, einmal sogar das Schienbein. All diese Verletzungen waren kein Problem, der Ostheoregenerator der Schulärztin hatte sie in wenigen Stunden geheilt. Und dennoch gibt es niemanden, weder Mädchen noch Junge, der so mutig, so unvernünftig ist, wie Sam. Warum hast du keine Angst, fragt Jessica, während sie beide auf dem Rücken im Gras liegen und in den Himmel starren. Wolken lesen. Da, ein Einhorn. Quatsch, das ist ein Stier. Und darüber ein Raumschiff. Eine Rakete.  Es liegt an meinem Datum, antwortet Sam und Jessica weiß natürlich sofort, was sie meint. Sams Todesdatum ist am 3.Juli 2085, neun Wochen vor ihrem vierundzwanzigsten Geburtstag. Jessica kennt niemanden, der ein schlechteres Datum hat als ihre Freundin. Selbst das Datum ihrer Eltern ist später. Sie selbst hat den 15.Oktober 3065, ein Tag, der so weit weg ist, als läge er auf einem anderen Planeten. Aber auch Sams Datum kommt ihr jetzt noch unendlich weit entfernt vor. Für eine Neunjährige sind fünfzehn Jahre eine Ewigkeit. Sie hat keine Vorstellung davon, was in diese Zeit alles hineinpasst an Ereignissen und Erlebnissen. Am Blick der Lehrer und der Gesundheitsmanager, die regelmäßig in die Schule kommen, sieht sie jedoch, wie schlecht dieses Datum ist. Wenn die Sams Akte zum ersten Mal auf ihren Tablets öffnen, huscht ein Schatten über ihr Gesicht. Sie schauen Sam an, Sam, die starke Sam, die wilde Sam mit den blitzenden Augen. Und sie schauen traurig, so wie man einen verblühten Blumenstrauß betrachtet. Sie reden leise mit Sam, leiser als mit all den anderen Schülern und ihre Untersuchung dauert auch nicht so lange wie üblich, obwohl Sam nicht richtig mitmacht. Sie gehorcht nicht, sie streckt die Zunge raus, kickt mit den Füßen, lacht laut, wenn sie Fragen beantworten soll, den Kopf nach hinten gelegt wie auf der Schaukel. Aber keiner schimpft mit ihr. Niemand ermahnt sie, sich zu benehmen und still zu sein. Manchmal ist Jessica deshalb wütend auf Sam, die sich alles erlauben kann, während sie selbst in die Stille Ecke geschickt wird zum Mandala-Malen.

Ein halbes Jahr, bevor die Grundschule endet, teilt die Klassenlehrerin die Empfehlungen für die höhere Schule aus. Eine Nachricht blinkt auf Jessicas Laptop. Sie klickt sie an. Gymnasium. Was hast du, fragt sie Sam, die schon den Laptop zugeklappt hat. Zum ersten Mal sieht sie Tränen in den Augen ihrer Freundin. Sie möchte sie trösten, weiß jedoch nicht wie. Sam schluckt sie herunter, wischt über ihr Gesicht, als liefen Ameisen darüber. Dann lacht sie wieder. Sekundarschule, antwortet sie. Was denn sonst? Dann muss Sam Jessica trösten, die zu weinen beginnt, so stark, dass es sie schüttelt. Nach so vielen Jahren werden sie getrennt. Auseinander gerissen in zwei Hälften. Die Sekundarschule ist am anderen Ende der Stadt, sie dauert nur fünf Jahre, während Jessica eine neunjährige Schulbildung bevorsteht. Warum machen die das? Sam hat gute Noten, obwohl sie nichts dafür tut. Keine Hausaufgaben macht, nicht für die Tests lernt. Aber Jessica weiß die Antwort schon. Es liegt an Sams Datum. Es lohnt sich nicht, dass Sam Fremdsprachen lernt oder höhere Mathematik. Sie wird kein Studium beginnen, weil ihr nicht genug Zeit bleibt, es zu beenden.

Der Schatten der bevorstehenden Trennung liegt über den Sommerferien. Jessica und Sam schauen in den Himmel und jede sieht eine andere Zukunft. Sie reden nicht darüber. Insgeheim ist Jessica wütend auf Sam, dass sie sich das gefallen lässt. Dass sie sich nicht wehrt. Sie ist so stark und so rebellisch. Warum kämpft sie nicht gegen diese Entscheidung? Warum lässt sie zu, dass sie auf eine schlechtere Schule geschickt wird und dass sie beide getrennt werden? Aber Jessica behält diese Gedanken für sich. Schließt sie ein und nimmt sie mit in das neue Schuljahr, das erste Schuljahr ohne Sam.

Anfangs schreiben sie sich täglich. Dabei hat Jessica kaum Zeit. Der Unterricht ist hart. Chemie, Physik, Englisch. Manchmal kommt sie erst um 18 Uhr nach Hause. Am Wochenende muss sie lernen, um die vielen Prüfungen meistern zu können. Sam dagegen berichtet von unendlich langen, freien Nachmittagen. Ihre Schule endet um 13 Uhr, dann gibt es Mittagessen und danach darf jeder machen, was er will. Viele auf der Schule haben ein schlechtes Datum, fast so schlecht wie Sam, aber eben nur fast. Hier macht sie dieses Datum zur Heldin, alle sprechen sie darauf an, erzählt sie. Klopfen ihr auf die Schulter. Wollen befreundet sein. Nachmittags wird die Stadt zu ihrem Abenteuerspielplatz. Sie ziehen gemeinsam um die Häuser, Sam ist die Anführerin. Auch Jessica findet in der Schule neue Freundinnen. Nette Mädchen mit Zöpfen und roten Wangen. Sie besuchen sich gegenseitig zuhause, machen zusammen Hausaufgaben. Jessica mag sie. Aber keine ist wie Sam. Keine kann fliegen.

In den Ferien trifft sie sich mit Sam und es ist jedes Mal sofort wie früher. Als hätte sich nichts zwischen ihnen verändert. Jessica atmet anders, wenn sie mit Sam zusammen ist, nimmt lange, tiefe Atemzüge, so als wolle sie die Luft um ihre Freundin herum einsaugen und speichern. Einen Vorrat anlegen, wenn sie sich wieder für Monate trennen. Und auch Sam scheint die Zeit mit Jessica zu genießen. Berührt sie oft, nimmt ihre Hand oder umarmt sie fest. Lass uns immer Freundinnen bleiben, sagt Sam und Jessica nickt, auch wenn sie weiß, dass immer für sie etwas völlig anderes bedeutet als für Sam.

In den Sommerferien vor der achten Klasse nimmt Sam Jessica mit in den Park zu ihren Freunden. Sie sehen aus wie eine Horde wilder Hunde, mit zerzausten Haaren und schmutzigen Händen. Sie trinken Bier und rauchen halbaufgerauchte Kippen, die sie auf der Straße gefunden haben. Jessica hat noch nie jemanden rauchen sehen, sie kennt das nur aus den Aufklärungsfilmen, die sie regelmäßig beim Gesundheitsunterricht schauen muss und dort sind die Raucher graue Geister, deren Lebenszeit sich im dichten Qualm auflöst. Hier im Park wird viel gelacht. Sie erzählen sich Witze, die Jessica nicht versteht, ein geheimer Code aus Namen und Abkürzungen. Sie prügeln sich im Scherz, auch die Mädchen fallen übereinander her, reißen sich an den Haaren, zwicken sich in die Haut. In ihren Gesichtern glänzt die Hitze des Hochsommers. Sie alle tragen kurze Hosen und T-Shirts, die Arme und Beine frei. Niemand cremt sich ein, keiner trägt einen Sonnenhut, so wie Jessica, deren Haut so gut es geht bedeckt ist und die im Schatten bleibt, wie sie es gelernt hat. Sams Haut ist so verbrannt, dass sie sich an den Schultern schält. Ihre Knie sind aufgeschürft, die Waden voller Mückenstiche. Jessica sitzt im Gras und schaut ihrer Freundin zu wie sie sich vor Lachen auf dem Boden rollt, auf Bäume klettert und herunterspringt. Wie sie Fangen spielt mit den Jungs und sich ihnen in die Beine wirft, um sie zu Fall zu bringen. Als die Sonne untergeht, steht Jessica auf, um nach Hause zu gehen. Niemand beachtet sie, deshalb geht sie einfach davon, ohne Tschüss zu sagen. Doch sofort ist Sam an ihrer Seite. Wo willst du hin? Du musst noch bleiben. Wir feiern gleich. Weißt du nicht, was für ein Tag heute ist? Heute ist der 3.Juli. In genau zehn Jahren werde ich sterben. Jessica schaut ihre Freundin entsetzt an. Wie kannst du das feiern? Sam zuckt mit den Schultern. Wir feiern auch unseren Geburtstag. Das ist das gleiche. Nein, ist es nicht. Geburt ist ein Anfang und Tod ist das Ende. Na und, sagt Sam. Ohne Ende kein Anfang. Wie kannst du das akzeptieren? Wo du sonst alles und jeden in Frage stellst. Wieso machst du nichts dagegen? Jessica brüllt ihre Freundin an, es bricht aus ihr heraus, die ganze aufgestaute Wut. Die anderen unterbrechen ihr Spiel und schauen überrascht zu ihnen hinüber. Sam dagegen bleibt ruhig. Sie sieht plötzlich müde aus. Die orangene Sonne, die schon halb hinter dem Horizont hängt, zeichnet ihr Gesicht weich und warm. Wenn eine etwas ändern kann, dann du, sagt Sam. Dann umarmt sie Jessica. Sie riecht nach Erde und Rauch und drückt die Freundin zum Abschied ganz fest, bevor sie wieder zurück zu ihren Freunden geht.  

In der neuen Schule lernt Jessica viel über die Genetische Determination. Sie wurde Mitte der Fünfziger Jahre entwickelt. Bisher hatte sie geglaubt, dass ein Knopfdruck genügt, um das genaue Todesdatum einer Person feststellen zu können. In Wirklichkeit ist es ein vielschichtiges, komplexes Verfahren aus mehr als 100 Untersuchungen und Bestimmungsfaktoren. Natürlich kann die Determination keine tödlichen Unfälle vorhersehen. Doch mit einer Schwankung von etwa einer Woche trifft die Vorhersage gewöhnlich zu, vorausgesetzt, die Person kümmert sich gewissenhaft um ihre Gesundheit, hält sich an Speise- und Bewegungspläne und lässt heilbare Krankheiten rechtzeitig medizinisch behandeln. Jedes Kind ab fünf Jahren muss die Determinationsbestimmung machen lassen. Manchmal erzählt Jessicas Mutter von der Zeit, als es dieses Verfahren noch nicht gegeben hat. Wie schrecklich es war, als Menschen einfach so starben. Aus dem Leben gerissen wurden, ohne Vorwarnung für ihre Eltern, Kinder oder Freunde. Die Mutter hat glasige Augen, wenn sie davon spricht. Welch ein Glück, dass wir diese Furcht nicht mehr mit uns herumtragen müssen, sagt sie und Jessica nickt. Auch für Sams Eltern ist es besser. Sie wissen, was auf sie zu kommt. Sie können sich vorbereiten. Jessica schaut ihre Mutter an. Was meinst du damit? Wie bereiten sie sich vor? Aber die Mutter weicht dem Blick aus. Sie antwortet nicht auf die Frage.

Sam hat einen jüngeren Bruder, dessen Datum besser ist. Er kommt nächstes Jahr auf Jessicas Schule und darüber freut sich Sam. Sie will ihn jeden Tag abholen, erzählt sie. Dann können wir uns sehen, sagt sie zu Jessica. Erst freut sich Jessica, aber als sie Sam dann vor ihrer Schule stehen sieht, ärgert sie sich, so wie über einen Rechtschreibfehler in einem Buch oder einem über die Linie gemalten Farbstrich. Sie ärgert sich über Sams Aussehen, stark geschminkt, die Augen schwarz wie Höhlen und der Mund rot wie eine blutende Wunde. Sie trägt enge, weit ausgeschnittene Oberteile, zeigt ihre Brüste. Jessica will nicht, dass Sam ihren neuen Freundinnen begegnet, die anders aussehen, anders sprechen als sie, in ganzen Sätzen, jedes Wort an seinem Platz, nicht zerstückelt und durcheinander wie bei Sam. Sie reden auch über andere Dinge. Nicht über Jungs und Partys und Bands. Sondern über großen Themen: Philosophie und Politik. Über Literatur und Kunst. Ihre Worte sind wie Wolken, während Sams Sprache wie Erde ist. Trocken zwischen den Fingern bröckelt. Oder feucht und matschig ist. Sprache, die Schmutz auf der Haut hinterlässt, der sich nur mit Mühe abwaschen lässt. Wer ist die da? Fragen die Klassenkameradinnen und verziehen das Gesicht. Die Frage schneidet Jessica ins Herz, trotzdem stellt sie Sam ihren Schulkameradinnen nicht vor, erklärt ihnen nicht, wer die da ist, sondern packt sie am Ärmel ihrer Lederjacke und zieht sie in den Strom der Passanten.  

Irgendwann kommt Sam nicht mehr. Sie sagt, sie habe keine Zeit. Sie müsste sich einen Job suchen, stattdessen geht sie aus und kommt erst im Morgengrauen nach Hause. Manchmal bleibt sie nächtelang weg. Jessica weiß das alles von ihrer Mutter, die es wiederum von Sams Eltern gehört hat. Gut, dass du anders bist, sagt die Mutter und fasst ihr ins Haar. Von Sam selbst erfährt sie nichts mehr. Die Freundin ist so weit weg wie der Mond. Unendlich lange dauert diese Zeit, die sich anfühlt wie grauer, dichter Nebel. Und jeden Abend, wenn Jessica nachts im Bett liegt, denkt sie an Sam. Was sie jetzt macht und wo sie ist. Ob sie glücklich ist. Und sie fragt sich, ob sich die Zeit nach 2084 auch so anfühlen wird. So einsam und kalt. Ob sie es aushalten wird, in einer Welt ohne Sam. Für den Rest ihres langen Lebens.

Am 3. Juni 2080 hält Jessica es nicht mehr aus. Sie steht vor Sams Haus. Traut sich jedoch nicht zu klingeln. Sie steht nur da und schaut in die tausend Fenster des Wohnblocks, in denen sich die Sonne spiegelt. Da oben im 12. Stock ist Sams Zimmer. Noch fünf Jahre lang. Was wird dann damit geschehen? Sicher haben die Eltern Pläne damit. Sie sind vorbereitet. Jessica ist nicht vorbereitet. Immer noch nicht. Sie hatte geglaubt, dass das Auseinanderdriften den Schmerz lindern würde. Dass die schreckliche Angst vor dem schwarzen Loch, das Sams Tod in ihrem Leben reißen wird, durch den Abstand verschwinden würde. Doch die Angst ist immer noch da. Die Wunde will sich nicht schließen. In dem Moment kommt Sam aus der Tür. Sie trägt einen großen Rucksack. Als sie Jessica sieht, rennt sie auf sie zu, trotz des Gewichts auf ihrem Rücken. Sie umarmen sich so fest sie können. Ich mache eine Reise, sagt Sam und setzt den Rucksack ab. Er ist prall gefüllt und ganz neu, die Farben leuchten grell in gelb, grün und blau. Wo willst du hin? Ich weiß es noch nicht, ich lasse mich treiben. Einmal um die Welt oder vielleicht nur bis zum Meer. Wie lange wirst du weg sein? Sam zuckt mit den Schultern. Vielleicht bis zum Ende, sagt sie und wischt sich über die Augen. Ihre Wimperntusche verschmiert. Jessica kramt ein Taschentuch aus ihrer Hose und hilft ihr beim Saubermachen. Dann begleitet sie die Freundin zum Bahnhof.

Sam schreibt Postkarten von jeder ihrer Stationen. Manchmal steht nur ein Wort darauf: Paradies. Meer. Sonne. Jessica klebt die altmodischen Karten an die Wand in ihrem Zimmer, bis sie ganz voll ist mit den kleinen Fenstern raus in die Welt. Sie stellt sich vor, dass sie in jedes davon eintauchen kann und dann bei Sam ist. Mit ihr am Strand liegt oder Hand in Hand ins Meer läuft. Komm mit mir, hat Sam auf einer Karte geschrieben. Aber Jessica kann nicht. Sie studiert mittlerweile Medizin. Es ist ein anspruchsvolles Studium, sie verbringt den ganzen Tag an der Uni oder im Labor. Abends paukt sie Chemie und Mathematik. In den Ferien macht sie Praktika in Forschungsanstalten. Sie will sich auf Genetik spezialisieren. Sie will wissen, wie die Genetische Determination funktioniert. Es ganz genau verstehen. Wie ein Labyrinth, in dem sie alle Wege kennen will, damit sie einen Ausweg findet. Die Zeit läuft ihr davon. Ihr bleiben noch drei Jahre bis zu Sams Datum. Obwohl sie die beste Studentin ist, alle Prüfungen mit Bravour meistert, unter den renommiertesten Forschern arbeiten darf, sieht sie keine Lösung. Irgendwann, in einer Minute der Verzweiflung, nachdem sie nächtelang durchgearbeitet hat und kaum zum Schlafen gekommen ist, vertraut sie sich ihrer Professorin an. Sobald sie ihre eigenen Worte hört, erwartet Jessica, ausgelacht zu werden. Wie anmaßend für eine kleine Studentin, die GD knacken zu wollen! Was bildet sie sich denn ein? Aber die Professorin lacht nicht. Sie schaut Jessica an, als würde sie durch ein Fenster schauen. Als fände sie in ihr eine weite Landschaft, die sie staunend betrachtet. Es gibt nicht viele wie du, sagt sie. Denn die, deren Datum gut ist, sehen keinen Grund die GD zu ändern. Die mit schlechter Determination hingegen haben nicht die Möglichkeit dazu. Das ist ungerecht, sagt Jessica. Ich weiß, sagt die Professorin. Sie wenden sich wieder ihrer Arbeit zu, sezieren DNA-Helices, betrachten Aminosäuren und Basensequenzen, dringen immer tiefer und tiefer ein in die menschliche Existenz, die am Ende nichts weiter ist als ein paar Moleküle.

Sam ist nun am anderen Ende der Welt. In Australien. Sie lernt dort surfen, hat einen Freund, der sie seit Thailand auf der Reise begleitet und mit dem sie jetzt zusammen ist, erzählt sie. Sie schickt Fotos und Filme auf Jessicas Handy, Bilder wie aus einem Reisekatalog. Sams bronzefarbene Beine im Wasser, ihre Füße im Sand. Ihre von der Sonne ausgebleichten Haare zu Zöpfen geflochten. Sam reitet eine Welle, küsst den Sonnenuntergang. Der Freund heißt Louis, er kommt aus den USA. Kein einziges Mal, seit Sam auf Reisen ist, hat Jessica gefragt, ob sie jemals zurückkommt. Die Hoffnung, die in dieser Frage steckte, erschien ihr egoistisch. Jetzt hofft sie in ihrem eigenen Interesse, dass Sam dortbleibt, am anderen Ende der Welt. Wie eines dieser Insekten in Bernstein, gießt sie das australische Sonnenlicht um ihre Freundin. Stellt sich vor, dass diese dort für immer am Leben bleibt. Ihre GD überlistet und sich vor lauter Glück irgendwann einfach nicht mehr melden wird. Es ist Januar 2084.

Sam kommt zurück. Im August steht sie vor Jessicas Tür. Jessica ist nicht da, also muss sie warten. Sitzt im Flur, die Kopfhörer im Ohr, die Musik laut, die Augen geschlossen. Draußen ist es schon dunkel, als Jessica nach Hause kommt. Sie war im Labor, seit sieben Uhr morgens. Denn sie hat eine Idee, ein Brecheisen für die GD. Sie glaubt fest daran, sie endlich knacken zu können. Als sie nach Hause kommt, ist sie noch so sehr in ihre Forschung vertieft, dass sie Sam gar nicht erkennt. Was will die Frau hier, denkt sie und nimmt das Handy in die Hand, um die Polizei zu rufen. Dann springt die Frau auf und wird zu Sam. Die Helices, Moleküle, Formeln und Zahlen fliegen aus Jessicas Kopf heraus. Sams Haare wirbeln um sie herum. Alles wird hell, leuchtend und warm als hätte Sam die Sonne vom anderen Ende der Welt mitgebracht. Sie bestellen Sushi und eine Flasche Wein. Feiern das Wiedersehen in Jessicas kleinem Studentenzimmer, zwischen all ihren Notizen und Auswertungen. Der Arbeit der letzten Jahre. Und inmitten der Postkarten von Sams Reise. Du hast sie alle behalten, sagt Sam, als sie staunend vor der Wand steht und alle Bilder betrachtet, jedes ein Stück Erinnerung aus ihrem eigenen Leben. Natürlich, sagt Jessica und legt der Freundin den Arm um die Schultern. Ich war bei dir, die ganze Zeit. Einmal um die Welt.

Die Bernstein-Sam gibt es nun nicht mehr. Die echte Sam ist wieder da. Jessica ist es so lieber. Zumal sie fest an ihre Lösung glaubt. Sie kann Sam retten. Zum ersten Mal formiert sich dieser Satz in ihrem Kopf, noch zu frisch, als dass sie ihn Sam gegenüber aussprechen würde. Also testet sie ihn an ihrer Professorin. Ich glaube, ich kann meine Freundin retten, sagt sie, während sie durch das Mikroskop schaut. So sieht sie nicht den traurigen Blick der Frau, für die diese Studentin wie eine Tochter geworden ist und deren Schmerz sie so spürt, als wäre es ihr eigener. Vielleicht kannst du das, antwortet sie ihr vorsichtig. Vielleicht auch nicht. Du musst beide Möglichkeiten bedenken. Für beide musst du einen Weg in dir finden. Sonst stehst du vor einem Abgrund. Jessica schaut auf. Sie ist überrascht von der Schwere der Worte. Die Professorin wischt sich über das Gesicht. Mein Sohn ist nicht einmal fünfzehn Jahre alt geworden, sagt sie. Ich habe fast zehn Jahre lang geforscht, Tag und Nacht. Es hat nicht gereicht. Und heute fehlt mir die Zeit mit ihm. Es ist jetzt 18 Uhr. Geh nach Hause und unternimm etwas mit Sam. Wir machen morgen weiter.

Wir machen morgen weiter. Diesen Satz hört Jessica nun jeden Nachmittag von ihrer Professorin. Immer früher am Tag. Sie gehorcht, widerwillig und dankbar zugleich. Sam wartet in der kleinen Studentenbude auf sie. Sie fahren zum Badesee, machen Wanderungen oder picknicken im Park. Sam will nicht drinnen sein. Selbst wenn es regnet, zieht es sie nach draußen. Sie liegen im Gras, Sams bronzene Beine neben Jessicas blasser Haut und statt Wolken zu beobachten, erzählt Sam von ihren Reisen, so üppig und bunt, dass Jessica glaubt, dabei gewesen zu sein. Ich habe so viel erlebt, dass es für Zwei reicht, sagt Sam. Zwischen ihren Reisegeschichten, zwischen einem Land und dem nächsten, macht Sam eine Pause, dann halten sie sich an den Händen und schließen die Augen. Jessica will, dass dieser Sommer nie aufhört. Doch die Zeit lässt sich nicht anhalten. Der Himmel wird grau und das Gras kalt. Sams Pausen werden länger, ihr Lachen verblasst. Jessica kann nicht länger warten. Ich brauche eine Blutprobe von dir, sagt sie zu Sam als die ersten Blätter fallen. Wozu soll das gut sein, fragt Sam mit geschlossenen Augen. Ihre Worte klingen rau und spröde, trocken wie ein abgebrochener Ast. Ich möchte mit deinem Genom forschen. Schauen, ob wir die determinierende Stelle austauschen können. In den Tierversuchen hat das funktioniert. Ich bin keine Ratte, sagt Sam. Ich will dir nur helfen! Du hilfst mir schon genug. Aber du wolltest, dass ich dich rette. Du hast es mir gesagt, damals vor fast 10 Jahren im Park. Du wolltest, dass ich etwas ändere. Das kann ich jetzt und ich habe hart dafür gearbeitet. Tu es mir zuliebe!

Sam willigt ein. Am nächsten Tag sitzt sie in Jessicas Labor, ein Wesen, das zu bunt, zu grell, zu lebendig ist für diese sterilen Räume. Aus der Kanüle in ihrem Arm läuft dunkelrotes Blut. Jessica füllt Röhrchen um Röhrchen. Eins noch, dann hast du es geschafft. Sam sagt kaum ein Wort. Zuvor hatte die Professorin mit ihr gesprochen. Ihr überschwänglich die Hände geschüttelt, so euphorisch, dass Jessica sich schämte. Danke, dass Sie sich zur Verfügung stellen, sagte die Professorin. Dann erklärte sie mit sperrigen Fachbegriffen, was sie mit Sams Körper vorhatten. Haben Sie noch Fragen? Nein. Jessica dagegen hat Fragen, viele Fragen, die wild in ihrem Kopf herumwirbeln. Was, wenn die Therapie schief geht? War es richtig, Sam zu überreden? Ist es tatsächlich das Beste für sie? Jessica fühlt sich plötzlich wie eine Verräterin. Sie würde so gerne mit ihrer Freundin darüber reden, doch sie weiß, dass sie diese Sache nicht mit ihr teilen kann.

Jessicas Tage im Labor werden wieder länger. Wenn sie abends aus der Tür kommt, ist es schon dunkel. Sam wohnt wieder bei ihren Eltern. Jessica besucht sie dort drei Mal pro Woche. Die Eltern behandeln Sam wie eine Prinzessin, bringen ihr Essen und Trinken an die Couch. Sie muss keinen Finger rühren. Jessica behandeln sie wie eine Königin. Sie öffnen ihr die Tür mit ausladenden Bewegungen, mit leuchtenden Augen und bittendem Blick. Wie geht’s voran? Fragt der Vater und meint Sams Therapie. Jessica antwortet mit den gleichen sperrigen Worten, die auch schon ihre Professorin benutzt hat. Sams Eltern verstehen nichts, werfen Blicke hin und her, das Lächeln bleibt in ihren Gesichtern eingefroren, als würde nur davon der Erfolg der Behandlung abhängen. Sam fragt nie nach. Sie schaut Filme auf ihrem Tablet, schreibt Nachrichten in die Welt. Sie redet nicht viel und wenn Jessica fragt, sagt sie, dass sie sich nicht so gut fühlt. Eine Erkältung vielleicht, nichts Schlimmes. Kopfweh. Ein bisschen Schnupfen. Ich gehe früh ins Bett, ich bin müde, sagt sie und auch Jessica steht auf, um zu gehen. Wir haben immer an dich geglaubt, sagt die Mutter beim Abschied. Du warst so eine fleißige Schülerin. Sam kann glücklich sein, eine so tolle Freundin zu haben.

Im Winter ist Sam oft krank. Sie hustet, ihre Nase läuft. Ihre Mutter bringt ihr Tee mit Honig und heiße Suppe. Jessica geht am Wochenende mit ihr spazieren. Du musst raus an die frische Luft, sagt sie. Sams Mutter pflichtet ihr bei. Alles, was die Königin sagt, ist richtig. Vorher verpackt sie Sam in Schal, Mütze und Handschuhe. Sam lässt es geschehen. Sie läuft langsam, setzt die Füße vorsichtig voreinander wie eine Seiltänzerin. Wie geht es dir, fragt Jessica mit viel zu heller Stimme. Es geht, sagt Sam. Früher war ich nie erkältet, weißt du noch? Jessica erinnert sich, wie unvernünftig ihre Freundin gewesen ist. Wie oft war sie mitten im Winter mit nassen Haaren draußen? Wie oft ohne Jacke unterwegs? Wir werden eben älter, sagt Jessica lachend. Ich nicht, antwortet Sam und Jessica fühlt sich, als hätte Sam sie von einer Klippe gestoßen.

Im Frühjahr beginnen die Transfusionen. Einmal die Woche muss Sam ins Labor. Die Nadel, die Jessica diesmal in ihren Arm bohrt, ist dicker als die Kanülen zur Blutabnahme. Die Flüssigkeit, die sie in ihre Venen pumpen, ist gelblich-weiß. Eine Stunde lang muss Sam ruhig liegen bleiben. Als Jessica zurück in den Behandlungsraum kommt und ihre Freundin dort liegen sieht, mit geschlossenen Augen und blassem Gesicht, erschrickt sie vor deren Anblick. Zum ersten Mal fällt ihr auf, wieviel Gewicht Sam verloren hat. Sie war immer schon schlank, jetzt dagegen ist sie mager. Ihre Wangen sind eingefallen. Ihre Sommersprossen sind verblasst. Selbst ihre Haare haben den Glanz verloren. Um die Einstichstelle an ihrem Arm hat sich ein großer, lilafarbener Bluterguss gebildet. Sam sieht sehr krank aus. Jessica weiß, dass sie mit ihr sprechen muss. Über die Prozentzahl, die ihre Professorin ihr vor ein paar Tagen präsentiert hatte. Sie war einstellig. Die Professorin wollte die Therapie abbrechen. Jessica bat sie, es dennoch zu versuchen. Es ist ihre letzte Chance, flehte sie. Sie müssen mit ihrer Freundin sprechen. Sie hat ein Recht darauf, selbst entscheiden zu können, sagte die Professorin streng. Jessica versprach es. Seitdem schiebt sie das Gespräch vor sich her. Aus Angst vor Sams Resignation.

Es ist gut, dass du zuerst mit uns sprichst, sagt Sams Mutter und der Vater nickt. Wir wollen es weiter versuchen. Fünf Prozent Heilungschance ist besser als nichts. Sie reden leise, Sam schläft im Zimmer nebenan. Das Gespräch mit ihren Eltern ist Jessicas Notlösung, sie braucht jemanden auf ihrer Seite. Allein kann sie die Verantwortung nicht länger tragen. Wann wollen wir es Sam sagen? Fragt sie. Morgen, sagt sie Mutter. Morgen sagen wir es ihr.                                                   Am nächsten Tag ist Sam kaum ansprechbar. Sie hat hohes Fieber. Ihre Stirn glüht, ihre Hände und Füße sind eiskalt. Jessica legt eine Infusion, um das Fieber zu senken und die Entzündung, die in Sams Körper wie ein Waldbrand wütet, einzudämmen. Wenn es schlimmer wird, muss sie ins Krankenhaus, erklärt sie der Mutter, die plötzlich Panik in den Augen hat. Nein, nicht ins Krankenhaus. Sie soll hierbleiben, bitte. Hier bei uns. Jessica ruft ihre Professorin an. Eine halbe Stunde später ist sie da, bei Sam im Zimmer. Wie seltsam, denkt Jessica. Sie gehört hier nicht her. Nicht hier in das Kinderzimmer ihrer besten Freundin. Ihre Welten verschwimmen. Ihre Gedanken sind weich wie Watte, so als wäre auch sie im Fieberdelirium. Mechanisch führt sie die Befehle ihrer Professorin aus, misst Blutdruck, nimmt Blutproben, scannt Sams Organe, während ihr Kopf von der Vergangenheit träumt. Von der alten Sam. Der schönen, starken Sam. Sam auf der Schaukel, hoch im Himmel, die Haare am Boden.

Eine Woche vor ihrem Datum stirbt Sam in ihrem Kinderzimmer. Jessica ist bei ihr, zusammen mit der Mutter, dem Vater und dem Bruder. Die Professorin hatte am Tag zuvor alle Geräte eingepackt. Ich lasse euch allein, sagte sie und alle wussten, was das heißt. Sam war schon lange weggetreten, nicht mehr sie selbst. Ihre Augen waren trüb, die Iris schien zu verlaufen, ihr Blick war nicht mehr auf die Welt gerichtet, sondern ins tiefste Innere. Sie konnte keinen klaren Satz mehr sagen. Worte und Speichel kamen aus ihrem Mund wie Wasser, das in einem Topf überkocht. Manchmal glaubte Jessica etwas zu verstehen. Bruchstücke. Nachrichten aus einem anderen fernen Ort. Sie sprach zu Sam, fragte nach, bat sie, ihre Worte noch einmal zu wiederholen. Doch es gab kein Gegenüber. Sam war weit weg. Die Entzündung hatte ihre Organe zerfressen, ihr Gehirn zersetzt. Wenigstens hatte sie keine Schmerzen. Dafür sorgte Jessica, die sich nächtelang das Wissen der Anästhesisten angelesen hatte. Auch gegen die Angst gab sie ihrer Freundin etwas, selbst wenn diese in ihren klaren Stunden nie von Furcht vor dem Tod gesprochen hatte. Ich will alles für dich tun, sagte Jessica zu sich selbst. Denn dort, wo sie jetzt war, hörte Sam sie nicht mehr.

Die neue Patientin, ein Mädchen von etwa zehn Jahren starrt fasziniert an Jessicas Wand in ihrer Praxis. Waren Sie an all diesen Orten, fragt sie, ohne sich umzudrehen. Jessica hat Sams Postkarten rahmen lassen. Ein großes Bild, das aus der Ferne wirkt wie ein Mosaik. Erst, wer näher herantritt wie es das Mädchen getan hat, erkennt die Aufnahmen aus aller Welt, die Plätze, die Sam bereist hat. Damals, vor 26 Jahren. Wie ein Schlag trifft Jessica die Erkenntnis, dass sie nun mehr Zeit in der Welt ohne Sam verbracht hat als in der Welt, in sie noch existierte. Sie muss sich setzen, hinter ihren Schreibtisch, öffnet den Laptop, um professionell zu wirken. Jetzt dreht sich das Mädchen um. Große, staunende Augen.   Waren Sie…?  Ein Teil von mir war dort, antwortet Jessica endlich. Aber ich selbst nicht.                             Sie hat dieses Land, in dem sie geboren ist, nie verlassen. Ist nie über seine Grenzen hinaus gegangen. Dafür hat sie erreicht, was sie sich vorgenommen hatte. Die genetische Determinierung gehört der Vergangenheit an. Jeder hat das Recht auf ein langes Leben. Das Privileg einer Zukunft. Dieses Mädchen, die neue Patientin, wird dank Jessicas Forschung zur höheren Schule gehen. Sie wird ihre Freundinnen nicht allein zurücklassen, in einer Welt, in der es kein Morgen gibt.

 

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Und wenn sie nicht gestorben ist... (Kurzgeschichte)