Und wenn sie nicht gestorben ist…

(Kurzgeschichte, veröffentlicht in Erostepost Nr. 35 “Sindbad und die Seefahrer. Moderne Märchen”)

Es war einmal ein Mädchen. Das wollte nie erwachsen werden. Und dann eines Tages kam tatsächlich eine Fee zu dem Mädchen und sagte:

„Ich gewähre dir einen Wunsch, mein süßes Kind.“

Und das Mädchen antwortete: „Ach, liebe Fee, wenn das so ist, dann wünsche ich mir, dass ich nie erwachsen werde.“

Da wurde die Fee plötzlich furchtbar wütend und meinte: „Das ist ein völlig bescheuerter Wunsch, du dumme Gans, den kann ich dir nicht erfüllen.“

„Warum nicht?“, fragte das Mädchen mit großen Augen. Die Fee schüttelte ungehalten den Kopf mit den goldenen Haaren und sagte: „Weil nun mal jeder erwachsen werden muss, auch du. Wünsch dir gefälligst was anderes.“

„Aber… aber“, schluchzte das Mädchen. „Ich hab doch sonst nichts, was ich mir wünschen könnte.“

Doch die Fee zuckte nur mit den Schultern und sagte: „Tja, wenn das so ist, dann hast du eben Pech gehabt. Und weil du zu faul bist, dir etwas anderes auszudenken, musst du zur Strafe jetzt doppelt so schnell erwachsen werden.“

Das Mädchen schluchzte noch einmal, was die Fee noch wütender machte. „Ach, was sage ich, dreimal, viermal so schnell wie alle anderen Kinder musst du erwachsen werden. Und weil du mich jetzt immer noch so blöd anguckst, habe ich die Faxen dicke. Jetzt bist du ab sofort kein Kind mehr! So, das hast du nun davon, du dummes, verwöhntes Ding! Da hast du Brüste, da deine Menstruation und Schamhaare und Achselhaare und alles, was noch so dazugehört. Viel Spaß damit!“

Und peng, weg war die Fee.

Zurück blieb das Mädchen.

Zurück blieb ich.

Aber ich habe die Fee ausgetrickst. Ich habe aufgehört zu essen.

So fing das an.

Und jetzt liege ich mittendrin in meiner eigenen Kotze.

Nein, das stimmt nicht. Ich liege daneben, mit dem Gesicht auf der Kloschüssel und darunter diese bröckelige gelbe Masse, die ich gerade aus mir herausgepresst habe. Gelbes Zeug mit braunen Schlieren, das ist Nutella. Schokolade kotzt sich schlecht, die bleibt im Hals kleben. Aber das interessiert niemanden. Interessanter ist vielleicht die Frage, warum ich gelogen habe und behauptet habe, ich würde in meiner Kotze liegen. Ganz einfach, weil es dramatischer klingt. Ich mag den Gedanken, dass mein Leben eine Handlung hat, eine Dramaturgie. Dabei ist mein Leben eigentlich nicht so bedeutsam. Ist eben ein Leben von vielen. Fängt an. Hört auf. Und dazwischen passiert Alltägliches. Essen, trinken, schlafen. Die Klospülung drücken.

Meine Mutter ist eine moderne Mutter, sie hat ihr eigenes Leben, in dem sicher mehr passiert als essen, trinken, schlafen.

„Kommst du klar“, sagt sie, ohne mich dabei anzusehen oder die Stimme am Ende des Satzes zu heben, so dass es ja keine Frage ist, die nach einer Antwort sucht, sondern nur ein ganz normaler Aussagesatz mit Punkt. Sie pudert sich gerade Rouge auf die Wangen, steht direkt vor dem Spiegel im Flur. Ich schnalze mit meinem Kaugummi.

„Geh von der Kommode runter“, sagt sie. Ich denke, mach ich, klar, ist ja auch blöd, so auf der Kommode sitzen. Die könnte unter meinem Gewicht zusammenbrechen oder einen Riss bekommen. Beim Runterspringen berühre ich Mamas Arm, während sie sich gerade die Wimpern tuscht, und sie rutscht mit der Hand aus und zieht sich einen dicken, schwarzen Strich quer über ihr Gesicht, üb er ihre gerougte Wange bis zum Ohr. Nein, tut sie nicht, sie schminkt sich weiter als sei nichts geschehen und zischt nur leise: „Trampel!“

Dann geht sie weg. Die Tür fällt zu. Und im gleichen Moment, als das Schloss zuschnappt, da platze ich und bin weg. Wie eine Seifenblase – popp! Und weg! Aber ich bin keine Seifenblase, sondern ein fester Körper, ein Trampel, und kann folglich auch nicht platzen. Immer bin ich da. Immer rücke ich mir auf die Pelle. Mama ist weg. Sie kann verschwinden, wie alle anderen Menschen auch. Sie geht einfach zur Tür raus. Ist dann nicht mehr Mama, sondern jemand anderes, der nichts mehr mit mir zu tun hat. Früher war sie meine Mutter, sie hat mich in den Arm genommen, wenn ich geweint habe. Hat mich gefüttert, wenn ich Hunger hatte. Da war ich noch klein und zerbrechlich wie eine Porzellantasse. Jetzt muss sie nicht mehr auf mich achtgeben. Du bist alt genug, sagt sie. Jetzt lässt sie mich zurück, damit auch ich jemand anderes werden kann. Aber ich ändere mich nicht. Ich bin immer ich.

Der Spiegel schaut mich an. Zeigt mir mein Gesicht mit seinen Flecken und Unebenheiten, seinen Falten und Furchen, seinen Höhen und Tiefen. So ein Gesicht ist schon komisch. Wenn ich ganz genau hinsehe, kann ich jede einzelne Pore erkennen. Jedes Härchen. Ein Gesicht ist eigentlich eklig. Ich strecke mir die Zunge heraus. Ein rotes Ding, sieht aus wie eine Schnecke. Feucht und schleimig. Mit weißem Belag. Und kleinen Warzen obendrauf. Ich strecke sie noch weiter heraus, so weit ich kann. Wie eklig ich bin. Immer bin ich eklig.

Außer, wenn Benjamin mich filmt. Wir sind im H&M, ich nehme einen Rock vom Bügel, einen ganz kurzen, karierten Rock und halte ihn vor meine Hüften. Benjamin betrachtet mich, aber nicht direkt, sondern im Display seiner Kamera.

„Wie steht mir das?“, frage ich und posiere ein bisschen, als sei ich hübsch. Hübsch wie ein Model. „Na, wie sieht das aus?“

Ich lächle ihn an.

„Mensch!“, sagt er, ohne von der Kamera aufzuschauen. „Ich hab doch gesagt, nicht mit mir reden. Nicht in die Kamera gucken. Tu so, als wäre ich gar nicht da.“

Ich bin ein bisschen beleidigt oder tue nur so, das weiß ich nicht genau. Jedenfalls nehme ich den Rock und laufe an Benjamin vorbei, ohne ihn zu beachten, nicht, weil er das gesagt hat, sondern weil er ein Blödmann ist. Ich gehe zu den Tops und schiebe Bügel für Bügel beiseite – ein rotes Teil mit einem glitzernden Apfel darauf nehme ich heraus, halte es an den Rock. Die zwei Teile passen toll zusammen, ich stelle mir vor, wie sie an mir aussehen und ich glaube, dass sie mir gut stehen. Ich gehe zu den Umkleidekabinen und Benajmin folgt mir. Er filmt, wie ich mich ausziehe, mich langsam ausziehe, als Rache dafür, dass er mich eben so angemotzt hat. Er filmt mich, wie ich in Unterwäsche da stehe und ich weiß genau, er will mich berühren, so richtig unbedingt will er das, die Hand ausstrecken. Er bettelt und fleht und will mich anfassen, mich umarmen, mich küssen. Aber er kriegt mich nicht, weil ich ihn nicht mag. Ich lache ihn aus und renne aus dem Geschäft. Vollkommen nackt.

Das ist natürlich Blödsinn. Niemals würde ich das machen, nur in meinem Kopf, da mache ich verrückte Sachen. Mutige Sachen. In Wirklichkeit bin ich feige. Ich gehe aber trotzdem zu den Kabinen und er geht mir hinterher, wie schon die ganze Zeit. Den ganzen Weg durch die Stadt, in jedes Geschäft, ständig läuft er mir nach und filmt mich. Die Schlange ist lang, lauter Mädchen mit Klamotten im Arm stehen da und warten auf eine freie Kabine. Als ich mich auch anstelle, drehen sich alle rum und glotzen mich an. Ganz unverschämt gaffen sie und ich spüre ihre Blicke, wie sie auf mir brennen. Unerträglich brennen diese Blicke. Ich halte es nicht mehr aus. Lege Rock und das Top auf den Wühltisch und renne aus dem Laden. Angezogen.

„Was machst du?“, fragt Benjamin, während er versucht, mit mir Schritt zu halten. Ich antworte ihm nicht. Er ist ja schließlich gar nicht da.

 

Benjamin studiert, wobei ich noch nicht verstanden habe, was er studiert, und ich traue mich auch nicht, nachzufragen, weil er dann denkt, ich sei dumm. Ich selbst bin ja noch nichts, ich versuche erst, zu werden. Ich habe mich nicht einmal auf den Weg gemacht. Nicht einmal die Schule geschafft oder so. Ist alles irgendwie schief gegangen. Und dann – die Zeit geht von ganz allein vorbei. Es ist gar nicht nötig, sie mit irgendwas zu füllen, auch wenn das viele behaupten. Vor allem Erwachsene. Und deshalb geht ihre Zeit sogar noch schneller rum als sie es eh schon tut.

In Benjamins Zimmer allerdings, da bleibt die Zeit stehen. Wenn seine kleine Kamera auf mich gerichtet ist, wenn ihr rundes Auge mich im Blick hat und mich filmt, wie ich auf dem Boden liege und die Zeitschriften durchblättere, die er für mich hingelegt hat. Oder wie ich mir die Fingernägel anmale, mit dem Nagellack, den er für mich gekauft hat. Manchmal läuft er um mich herum. Manchmal filmt er mich von oben, manchmal von unten. Ganz selten fragt er etwas.

„Gefällt dir das Model auf dem Cover?“

Ich zucke mit den Schultern und finde die Frage dumm. Es ist eben ein Model. Die sehen doch immer gut aus.

Benjamin sieht nicht gut aus. Ich mag ihn nicht, ich mag nur seine Kamera und das Gefühl, das sie mir gibt. Deshalb gehe ich zu ihm. Er hat gesagt, er macht einen Film für die Uni, für sein Studium. So eine Art Klassenarbeit. Er nennt es Projekt. Und ich soll die Hauptrolle spielen. Eigentlich gibt es nur eine Rolle. Außer mir spielt keiner mit, hat Benjamin gesagt. Nur ich soll darin vorkommen. Wie ich ganz normale Sachen mache, Zähen putzen, Haare bürsten. Er hat gesagt, eigentlich müsste er auch filmen, wie ich aufs Klo gehe, aber das wollte ich nicht. Da meinte er, das sei nicht so schlimm.

 

Ab und zu betaste ich meinen Bauch und wenn ich die Beckenknochen spüre, bin ich zufrieden. Meine Brust ist auch kleiner geworden. Ich muss zum Glück keinen BH mehr tragen. Spieglein, Spieglein an der der Wand. Der Spiegel ist wie immer anderer Meinung, er zeigt mich von vorne mit gebärfreudigem Becken, wie Mama es nennt. Du bist zu dick, sagt er, ganz ohne Reim und Lyrik. Einfach nur: du bist zu dick. Und je länger ich ihn anstarre, desto eher muss ich ihm Recht geben.

Mama war vor ein paar Wochen mit mir beim Arzt, der hat mich angeguckt und gesagt, ich soll meinen Pulli ausziehen und als ich dann vor ihm stand in Unterhemd und Jeans, dann hat er mich wiegen lassen von seiner Assistentin. 42 Kilo, hat die gesagt, aber das stimmt nicht, ich wiege 41 Kilo. Das eine Kilo mehr war nur wegen der Hose und den Schuhen. Der Arzt hat ganz erschrocken geguckt. Dann hat er mich rausgeschickt und Mama geschockt, denn als sie aus dem Sprechzimmer kam, hat sie nicht mehr mit mir geredet. Ich hätte sie gerne umarmt oder wenigstens ihre Hand genommen. Früher hätte ich das einfach gemacht, ganz selbstverständlich. Mütterhände kann man immer greifen, wenn man klein ist, dazu sind sie da. So eine kleine Kinderhand kann man nicht zurückstoßen. Aber eine große Hand schon. Also habe ich lieber nicht versucht, ihre Hand zu nehmen. Wir sind wort- und berührungslos nach Hause gefahren, ich bin in mein Zimmer gegangen und dort hat dann die Fee gewartet. Auch sie hat nichts gesagt, nur auf meinem Bett gesessen und hämisch gegrinst. Ich war nicht mal überrascht, also nicht von ihrer Anwesenheit, nur von ihrem Aussehen. Ihre goldenen Haare waren total strähnig und dünn, gar nicht wie beim ersten Mal, da haben sie geleuchtet. Und ihre Hände waren ganz faltig, wie bei einer alten Frau. Sie sah nicht mehr aus wie eine Fee, sondern wie eine Hexe.

„Kannst du nicht meiner Mutter sagen, dass es deine Schuld ist?“, habe ich sie gefragt. Sie saß aber einfach da und starrte mich an, ohne ein Wort der Entschuldigung. Ich hätte ihr am liebsten eine verpasst, aber eine Fee schlägt man nicht. Also habe ich zurückgestarrt und gehofft, dass sie verschwindet. Was sie auch tat.

 

Benjamin filmt meinen Fuß. Ich liege auf dem Bauch in einem Sommerkleidchen, die Beine angewinkelt und die nackten Füße in die Luft gestreckt.

„Nicht“, sagte ich. „Die sind hässlich!“

„Findest du?“, fragt er ganz ernst und filmt weiter. „Was findest du noch hässlich?“

„Dich!“ Ich drehe mich auf den Rücken und lache ihn aus.

„Und dich?“ Er filmt mein Gesicht, mein Lachen, aber ich höre auf zu lachen und überlege.

„Klar!“

„Warum?“

Ich springe auf und stelle mich vor seine blöde Kamera.

„Mein Bauch. Der ist nicht schön.“ Ich grabe meine Hände in meine Haut und ziehe an den Speckfalten. „Guck hier. Eklig.“

Dann zeige ich ihm meine Arme. „Die sind auch hässlich. Wabbelig.“

Ich zupfe an meinen Oberarmen, bis es wehtut und muss wieder lachen, dabei gibt es keinen Grund und ich will auch nicht lachen, aber ich denke, ich muss es tun. „Hässlich. Eklig. Bäh!“, schreie ich und Benjamin filmt mich von oben bis unten. Dann macht er die Kamera aus.

„Das reicht für heute, glaube ich“, sagt er und lächelt.

Auf dem Heimweg denke ich, dass er mich jetzt bestimmt nicht mehr als Hauptdarstellerin in seinem Film haben will. Jetzt wo er gesehen hat, wie hässlich ich bin. Ich hätte ihn gerne gefragt, ob er mich auch hässlich findet, aber dann hätte er gedacht, es wäre mir wichtig, was er über mich denkt. Dabei interessiert es mich überhaupt nicht. Er hat mich ja schließlich gefragt, ob ich in seinem blöden Film mitspielen will. Er hat mich angesprochen, nicht ich ihn. Damals in dem Café. Ich hab da alleine rumgesessen, komischer Zufall, denn normalerweise sitze ich nie allein in Cafés rum. An diesem Tag wollte ich das aber mal ausprobieren, weil das ja viele erwachsene Leute machen. Ich saß also da und hab einen Pfefferminztee getrunken, da kam er an meinen Tisch, ein großer Kerl mit dunklen Augen und Fusselbart, und fragte, ob er sich setzen könne. Und ich hab genickt. Dann hat er mich eben gefragt. Willste da mitmachen, hat er gesagt. Ist nichts Großes, aber ich suche genau so ein Mädchen wie dich. Du bist die Richtige. Und ich hab gesagt, klar, warum denn nicht. Hab eh nichts zu tun, Schule gerade geschmissen. Wir haben uns verabredet für den nächsten Tag, er hat mir seine Adresse gegeben und so ging das dann los. Aber was ich eigentlich erklären wollte, ist ja, dass er mich wollte, ganz klar. Dann hat er eben Pech gehabt, wenn ich doch nicht schön genug bin. Aber er hätte wenigstens sagen können, dass ich nicht dick bin. Auf dem Heimweg gehe ich beim Lidl vorbei und kaufe mir Pudding, Milchschnitten und eine Packung Saft.

 

Manchmal bleibt mir nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass es aufhört. In diesen Momenten kommt es mir vor, als sei alles an mir eine offene Wunde – außen und innen. Und ich spüre, ich rieche und schmecke bei jedem Bissen, dass es mehr gibt als das, aber ich weiß nicht, was und ob es besser oder schlechter ist, aber auf jeden Fall, und da bin ich ganz sicher, ist es größer und die Suche danach treibt mich an und dann will ich wieder, dass es nie zu Ende geht, dieses Leben, weil ich nicht weiß, ob mir die Zeit reicht, das zu finden, was außerhalb von mir liegt. Aber in nüchternen Momenten glaube ich, dass es schon reichen würde, den Kopf aus der Kloschüssel zu nehmen.

Jetzt ist gerade so ein nüchterner Moment. Hellbraune Brühe mit dunkelbraunen Schlieren läuft die Toilettenschüssel hinunter. Ich wische die Spritzer von der Klobrille und drücke die Spülung, dreimal hintereinander muss ich drücken, bis alles weg ist. Nach dem Kotzen geht es meinem Körper schlecht. Er ist schwach, das Herz rast und die Beine zittern. Aber nach ein paar Minuten fühlt es sich im Kopf gut an, wie berauscht, so leicht, so schwebend, so anmutig, als könnte ich gleich davonfliegen. Ich lege mich ins warme Badewasser und denke an gar nichts. Wirklich, das geht. Aber nur nach dem Kotzen. An nichts denken. Das ist wunderschön. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich bunte Kringel und die sind einfach schön und haben nichts mit mir zu tun. Mein Körper fühlt sich gut an, er hat sich beruhigt und ist jetzt auch dankbar. Ich habe es geschafft, ich blute nicht mehr. Seit zwei Monaten blute ich nicht mehr und das macht mich ungeheuer stolz. Ich bin keine Frau mehr. Ich bin wieder ein Kind.

Die Fee klopft ungeduldig an die Badezimmertür. „Es reicht!“, ruft sie. „Es reicht!“ Und erst beim zweiten Rufen merke ich, dass es gar nicht die Fee ist, sondern Mama.

„Ich bade!“, antworte ich. Es stinkt nach Kotze hier drin, ich will nicht, dass sie reinkommt und mich wieder so vorwurfsvoll anguckt, wie sie es immer tut, wenn sie mich fressen oder im Bad verschwinden sieht. Einmal habe ich vergessen zu spülen, wirklich nur einmal, weil mir so schwindelig war danach und sie hat mich gerufen, mich gepackt und meinen Kopf über die vollgekotzte Kloschüssel gehalten. Sie war völlig hysterisch, hat rumgebrüllt, irgendwas, ich hab vergessen, was es war. Ich habe auch da an nichts gedacht. Habe das alles an mir vorbeiziehen lassen wie Wolken am Himmel. Und jetzt erinnere ich mich daran, als sei es jemand anderem widerfahren. Mama ruft von draußen. „Mach doch, was du willst!“ Dann höre ich sie weinen. Mütter dürfen nicht weinen. Es tut weh in den Ohren, ihr Weinen. So weh, dass ich in der Badewanne untertauche und die Luft anhalte, so lange es geht. Ich höre Stimmen unter Wasser, Rufe, Schreie. Aber kein Weinen. Als ich wieder auftauche, ist es still. Mama ist weg. Und die Fee auch.

Die Nachmittage bei Benjamin werden langweilig. Immer das Gleiche. Ich liege in seinem Zimmer herum und mache nichts, schaue vielleicht mal ein bisschen fern oder lese. Seit der Sache mit den Füßen fragt er mich nur noch ganz selten etwas. Bald wird er mir sagen, dass er mich nicht mehr als Hauptdarstellerin will. Er sitzt auf dem Sofa und filmt mich, wie ich auf dem Boden liege. Da denke ich plötzlich, dass endlich was passieren muss. Etwas Neues. Dieser Film hat ja auch was mit mir zu tun und das, was Benjamin bis jetzt von mir aufgenommen hat, das ist doch langweilig, da schläft jeder ein. Dabei hoffe ich ja still und heimlich, dass ich mit diesem Film berühmt werde. So als Schauspielerin. Das wäre dann mal ein Ziel. Nur muss da was passieren. Und ich weiß auch was. Ich lege die Zeitschrift weg und schaue ihn an, fixiere ihn mit meinen Augen und stehe auf. Ziehe mich aus, knöpfe das Kleid auf, lasse es fallen. Ich trage nur einen Slip darunter. So stehe ich vor Benjamin, nackt bis auf das kleine Stück Stoff zwischen meinen Beinen. Es ist kein Traum, es ist echt.

„Willst du mich mal anfassen?“, flüstere ich.

„Nein“, antwortet er leise und räuspert sich.

„Weil ich hässlich bin?“

„Du bist nicht hässlich“, sagt er.

Ich drehe mich langsam um mich selbst. Die Arme nach oben, den Kopf in den Nacken. Fast vergesse ich den Film. Ich will jetzt nur noch, dass Benjamin mich berührt. Er oder irgendjemand. Ich will den Körper eines anderen spüren, damit ich weiß, wo ich aufhöre. Weiß, wo mein Körper seine Grenzen hat. Wo ich anfange. Ich drehe mich. Drehe mich. Wie ein Kreisel. Bei jeder Drehung sage ich ein Wort. „Was – stimmt – nicht – mit – mir!“

Benjamin legt die Kamera weg. Ich höre auf, mich zu drehen. Ich verschränke die Arme vorm Körper. Will mich vor seiner Antwort schützen.

„Ich weiß nicht“, sagt er und schaut ganz traurig drein. „Vielleicht ist es genetisch. Verstehst du? Da kannst du gar nichts dafür.“

Ich verstehe gar nichts, ziehe mich an und gehe.

Er hat mich tatsächlich nicht angefasst, er hat es nicht einmal versucht. Ich schäme mich so, dass ich mich vor ihm ausgezogen habe, der Wunsch, einfach zu verschwinden ist größer denn je. Plötzlich – Plopp – erscheint wieder die Fee neben mir. Ich schaue kurz zur Seite, sie grinst mich an und ich laufe weiter, als sei nichts geschehen. „Mach mal langsam, Göre!“, ruft sie mit krächzender Stimme. Ihre Haare sind jetzt grau und fast komplett ausgefallen. Bin ich das etwa? Raube ich ihr die Kraft und die Schönheit, weil ich sie ausgetrickst habe?

„Was willst du denn schon wieder von mir?“

„Ich will dir einen Wunsch erfüllen.“

„Schon wieder“, stöhne ich, bleibe aber trotzdem stehen. „Na gut, dann erfüll mir mal diesen Wunsch. Ich will verschwinden.“

Die Hexenfee lacht ein kratziges Lachen. Zum Glück ist gerade niemand anderes in der Nähe, denn das Lachen ist wirklich grauselig.

„Den Wunsch kannst du haben, gar kein Problem!“ Und dann fassen ihre knochigen Finger mein Kinn, sie kommt mit ihrem Gesicht ganz nah an meins, so dass sich unsere Nasen fast berühren und sie sagt, während sie sich in Luft auflöst: „Braves Mädchen!“

Ihre Stimme hallt in meinen Ohren wie ein Echo. Großartig, denke ich. Tolle Fee. Denn ich bin immer noch da.

 

Ich will nicht mehr zu Benjamin gehen, aber er hat mich angerufen. Er meinte, ich soll kommen, der Film sei fertig und er möchte ihn mir zeigen. Ich habe keine Lust, Benjamin zu begegnen, jetzt da er mich nackt gesehen hat. Aber ich will den Film sehen. Es ist wie das Gefühl, auf einem hohen Turm zu stehen. Ein paar Schritte weiter vorne geht es richtig tief runter, tödlich tief sogar. Aber man kann nichts machen, außer diesen Schritten auf den Abgrund zu, bis man nach unten sieht, so lange, bis einem schwindlig wird. So will ich diesen Film sehen. So will ich mich sehen. Bis mir schwindlig wird. Mama sage ich, ich ginge zu Nanette. Nanette gibt es nicht, ich habe sie erfunden. Für Mama zu Abnicken. Sie nickt es ab und ich gehe zur Tür hinaus Richtung Abgrund.

Benjamin hat die DVD schon eingelegt. „Ich hab es ein wenig bearbeitet“, sagt er und es klingt wie eine Entschuldigung. Er sitzt auf der Couch, ich liege vor ihm auf dem Boden, direkt vorm Fernseher und warte darauf, dass es endlich losgeht. Mir ist schlecht. Der Bildschirm ist schwarz und langsam blendet sich eine weiße Schrift ein. Psychologisches Institut der Universität steht da und ich frage mich, was das für ein komischer Titel ist. Dann sehe ich ein Mädchen durch die Stadt laufen. Sie ist noch weit entfernt, ihr Kleid weht beim Gehen. Um sie herum sind andere Menschen, aber die Kamera behält sie im Fokus, lässt sie näherkommen. Ein Mädchen in Blümchenkleid. Sie geht schnell, wie ein Uhrwerk. Tacktacktack. Immer näher, immer näher. Man sieht ihre Beine, ihre Arme, wie Knochen mit ein bisschen Haut. Ein Schnitt und plötzlich steht das Mädchen im Zimmer und zieht sich aus. Bitte nicht, denke ich. Das Mädchen spricht mit der Kamera, aber man versteht nicht, was sie sagt, sieht nur ihre blassen Lippen sich bewegen. Und dann steht sie da, völlig nackt, nur in Unterhose. Sie zeigt ihren Körper und es ist nicht der Körper eines Mädchens. Es ist der Körper einer Toten. Ausgezerrt, verdorrt. Und dann zeigt die Kamera das Gesicht des Mädchens. Ganz nah. Ich erschrecke mich. Es ist das Gesicht der Fee. Die Fee lacht in die Kamera und sagt: Willst du mich anfassen? Und mir wird schlecht vor Angst, ich halte es nicht mehr aus, ich drücke auf Open und reiße die DVD aus dem Gerät. Bevor Benjamin etwas tun kann, bin ich schon aus dem Zimmer. Renne nach Hause, mein Herz pumpt und pumpt und tut so weh. Die DVD zerkratze ich beim Laufen mit den Fingernägeln und schmeiße sie auf die Schienen der Straßenbahn. Zuhause rast mein Herz weiter, es überschlägt sich, kann sich nicht beruhigen. Die Übelkeit überschlägt sich auch, in hohen Wellen peitscht sie durch meinen Magen. Ich stürze ins Bad, öffne den Klodeckel und würge und würge, aber es kommt nur scharfe Flüssigkeit aus mir heraus. Dann wird es dunkel. Erst spüre ich noch ein Brennen im Hals, dann spüre ich gar nichts mehr.  Denke an gar nichts mehr. Bin gar nichts mehr. Die Fee hat mir den Wunsch erfüllt. Endlich.

 

Diese Kurgeschichte hat 2007 den Erostepost-Literaturpreis gewonnen. Die Begründung der Jury:

Da bleibt ein weiteres Märchen, in dem frech aber gut der Abgrund eines an Bulimie leidenden Mädchens anschaulich gemacht wird, in dem die Fee sich nicht um die nicht zur Reifung in eine angepasste Gesellschaft passenden Wünsche kümmern kann, sondern sie ins Gegenteil verkehrt und mit der Mutter der Kranken paktiert.”

“Sie beschreiben etwas, weil es da ist, vielleicht schon immer da war, zum Beispiel wie eine von sich selbst weit weg projizierte Seelenlandschaft in Dorian-Gray-Manier langsam aber beständig das Antlitz einer Fee besetzt und es schließlich zerstört. Das Magische trägt keine andere Dimension, sondern die kompromisslose Sprache eines magersüchtigen Mädchens, jung, direkt, verstörend unglücklich und außerstande, sich selbst zu finden.”

https://www.erostepost.at/zeitschrift/

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Morgen gibt es doch nicht (Kurzgeschichte)