NPC

 

Rasend schnell geht die Sonne auf, eben Dämmerung und plötzlich steht der gelbe Ball am Himmel. Wir fahren vorbei an Blumenwiesen, darauf Kühe in immer gleichem schwarz-weißen Fleckenmuster. Die Weiden gesäumt von buschigen Nadelbäumen, die ihre Zapfen wie Kronleuchter in die Luft strecken. Die Zirbelkiefern, die dem Ort seinen Namen geben. Zirbelberg.

Gleich sind wir da, sagt Frank. Wer hat Lust auf Ferien?

Ich, ruft Joshua vom Rücksitz. Ich drehe mich um und mir wird ganz warm, als ich sein Lachen sehe. Doch plötzlich schimmert in der Heckscheibe grünes Licht. Nicht grün wie die Wiese oder der Wald, sondern ein grelles, künstliches Grün. Es passt nicht. Wie sind wir hierhergekommen? Seltsam, ich weiß nichts mehr …

Doch dann rollt Frank im Hof ein, die pausbäckige Bäuerin begrüßt uns. Wir räumen unsere Koffer in das Ferienhäuschen. Joshua wirft sich aufs Bett und schaltet den Fernseher ein. Es läuft der gleiche Werbespot wie im Autoradio: Ferien in Zirbelberg - Dein Stuühück heile Welt.

Mach die Kiste aus!

Joshua gehorcht sofort.

Wer will Ponys gucken?, ruft Frank. Alle lieben Ponys!

Ich, ruft Joshua und beide verlassen das Haus. Wie gern würde ich mitgehen. Zeit mit Joshua verbringen. Es fühlt sich an, als hätte ich ihn seit Wochen nicht gesehen. Aber irgendetwas sagt mir, dass ich etwas erledigen muss. Die Koffer ausräumen? Meine eigenen Klamotten, die von Frank und Joshua, für jeden gibt es ein Fach und alles passt perfekt hinein. Pullover, Hose, Socken. Alles hat seinen Platz und das fühlt sich gut an. Plötzlich klingelt das Telefon. Welches Telefon? Tatsächlich, da steht es. Kaum zu übersehen, ein klobiges Ding mit Wählscheibe und grossem Hörer. Ich hebe ab.

Sind Sie drin?, sagt eine männliche Stimme.

 Ja.

Ich weiss nicht, ob er das Haus meint oder das Zimmer oder etwas ganz anderes.

Wie ist es?

Seltsam. Sehr echt und dann wieder gar nicht.

Ok.

Eine Pause am anderen Ende. Ich höre den Atem des Mannes.

Denken Sie dran - wir können jederzeit abbrechen.

 

Wie hübsch dieses Dorf ist. Mit blühenden Vorgärten, Sonnenblumen, Rittersporn. Verschnörkelte Gartentore und Zäune. Die Häuserfassaden Rot, die Fensterläden weiß. Und reetgedeckte Dächer. Reet? Wir sind doch in den Bergen, oder nicht? Am Horizont ragen schneebedeckte Wipfel in den Wattewolken-Himmel. Nur die Luft passt nicht dazu. Nicht knusprig-frisch, sondern abgestanden, wie in einem zu engen, unbelüfteten Raum.

Der Boden ändert sich. Am Klang meiner Schritte merke ich es. Kopfsteinpflaster. Ich bin im Dorf angekommen, direkt auf dem Platz vor der Kirche.

Es ist Markt. Nur drei Stände, an allen gibt es das Gleiche: Äpfel, Saft, Marmeladen. Die Wangen der Marktfrauen glänzen ebenso rot wie die Äpfel in ihrer Auslage. Sie alle grüßen mich freundlich. Ich bleibe stehen.

Brauchst du Hilfe?, fragt eine ältere Dame mit Einkaufskorb. In den Korb sitzt ein Huhn.

Ich suche etwas. Aber ich weiß nicht, was.

Frau und Huhn legen den Kopf schief.

Such, und du wirst finden, sagt die Frau.

Aber was?

Frag Ada. Ada weiß alles.

Wer ist Ada?

Ada ist alle und niemand. Heute ist sie im Dorf. Aber sonst wohnt sie in der Berghütte.

Die Frau hebt das Huhn aus dem Korb und holt ein Ei hervor, das sie beim Marktstand gegen einen Apfel tauscht.

Mama, schau mal!

Plötzlich trabt Joshua auf einem Pony auf mich zu. Frank kommt hinterher.

Woher wusstet ihr, wo ich bin?

Ada hat es uns gesagt, antwortet Frank.  

Das Pony ist niedlich, mit Wuschelmähne und weichen Nüstern. Es reicht mir gerade mal bis zur Schulter.

Mama, darf ich das Pony haben?

Aber Joshua, das können wir uns nicht leisten.

Wir könnten es gegen unser Auto tauschen, sagt Frank.

So ein Quatsch, rufe ich und irgendetwas scheint über Franks Kopf zu platzen.

Natürlich, da hast du recht, Schatz, sagt er nach einem etwas zu langen Moment der Stille. Wer will ein Eis?

Ich, ruft Joshua und schon steht da ein Eiswagen, er spielt wieder die Melodie – Dein Stück heile Welt! Ans Dach sind türkisfarbene Luftballons gebunden.

Alle lieben Eis!, rufen Frank und Joshua.

Wieder klingelt ein Telefon. Diesmal in einer roten Telefonzelle, wie die in Großbritannien.

Hallo?

Wissen Sie noch, wozu Sie da sind?

Um Urlaub mit meiner Familie zu machen?

Nein!

Ich wusste, dass es schief geht, ruft eine zweite Stimme im Hintergrund. Abbruch, sofort Abbruch!

Jetzt warte doch!, ruft die erste Männerstimme nach hinten. Und dann wieder in den Hörer: Halten Sie sich die Hand vor Augen.

Ich gehorche. Hebe die Hand. Starre auf meine Finger.

Noch näher. Näher.

Was soll das? Ich sehe meine Haut. Direkt vor Augen. Doch es wird nicht dunkel. Sondern Beige. Orange. Rot. Quadrate.

Pixel.

Und auf einmal ist alles wieder da. Der Upload ins Interface. Ins Grün. Die Mission.

Ich bin im Spiel.

Richtig. Und wenn Sie nicht aufpassen, enden Sie wie diese armen Teufel.

Die Betten voller lebloser Körper. Menschen im Koma. Alle haben sie ihre Biodaten in das Spiel geladen, um sich einen Spiel-Avatar zu erstellen. Ein normaler Vorgang für die Rollenspiele der neuesten Generation. Aber in Zirbelberg ist etwas Seltsames passiert: Von zwölf Spielern haben sich die Avatare plötzlich in NPC verwandelt. In Non Player Character - ohne Spieloptionen, ohne Exitmenu und ohne die Chance, je wieder aus dem Spiel herauszukommen.

Wir glauben, dass es eine Figur im Spiel gibt, die dafür verantwortlich ist. Eine Art Godmodding

Ich lege auf.

Ein Spiel also. Eine Mission. Aber da ist noch etwas anderes. Eine Erinnerung fehlt. Ein Puzzlestück für das ganze Bild. Ich muss Ada finden. Sie wird es wissen.

 

Wir müssen einkaufen, sagt Frank. Essen hält Leib und Seele zusammen.

Er holt ein Ei aus der Tasche und tauscht es gegen drei Äpfel. Wir essen die Äpfel direkt auf dem Marktplatz und sofort strömt Wärme durch mich hindurch. Neue Energie. Auch Joshuas Wangen glühen wieder. Er macht Freudensprünge.

Wo habt ihr Ada getroffen?

Die richtigen Menschen kommen zur richtigen Zeit, antworten Frank und Joshua wie aus einem Mund.

Sie zeigen zur Kirche. Auf den Stufen zur Kirchentür sitzt eine Frau, in Tücher gehüllt mit einem langen Stock. Die Frau hebt die Hand. Ich will zu ihr, doch die Hühnerfrau stellt sich mir in den Weg.  

Man begegnet sich immer zweimal im Leben, sagt sie und reicht mir schon wieder ein Ei. Diesmal nehme ich es und stecke es in die Hosentasche. Ada ist verschwunden.

 

Zirbelberg ist ein unterkomplexes Spiel – das hat die gleiche Stimme aus dem Telefonhörer gesagt. Es beginnt mit dem Ei. Das Ei ist drei Äpfel wert. Die Äpfel bringe ich zur Saftpresse, bekomme eine Flasche Apfelsaft zurück.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagt der Mann an der Saftpresse.

Den Saft tausche ich beim Korbmacher gegen einen Einkaufskorb, um noch mehr Äpfel zur Saftpresse zu bringen. Zehnmal laufe ich hin und her, bis ich genug Saft habe, um eine eigene Apfelwiese zu kaufen. Das Laufen macht mir nichts aus, im Gegenteil, es macht Spaß und immer, wenn ein Tauschgeschäft gelungen ist, spüre ich dieses warme Gefühl in mir.

Joshua pflückt Erdbeeren am Wegesrand und legt sie in sein Körbchen.

Die kochen wir zu Marmelade, sagt er.

Jetzt haben wir genug Waren, um selbst einen Marktstand zu eröffnen. Frank betreut ihn, während ich mit Joshua weiter durchs Dorf ziehe, auf der Suche nach Ada.

Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Meister, ruft Frank mir nach.

Ich halte Joshuas Kinderhand in meiner. Oder glaube ich nur, seine Hand zu spüren? Pixel in Pixel, aber es fühlt sich echt an. Der Geschmack der Walderdbeeren auf der Zunge, die reifen Äpfel im Korb. Die Freude.

Endorphine, sagt die Stimme aus dem Hörer. Dopamin.

Als sei das eine Erklärung. Sind es nicht die gleichen Stoffe, die auch im echten Leben durch meine Adern fliessen?

Über uns fliegt ein kleines Propellerflugzeug mit einem Werbebanner: Dein Stück heile Welt.

Alles Gute kommt von oben, sagt Joshua.

Nur die Luft. Die Luft passt nicht zur Idylle.   

 

Ich erkenne ihn sofort. Aschblonde Haare, ein wenig zu dick, derselbe friedliche Gesichtsausdruck wie im Krankenhaus. Hier verkauft er rotweiss-gestreifte Zuckerstangen. Im Krankenhaus hängt er an Geräten, die ihn am Leben erhalten.

Aus Erdbeermarmelade und Sirup, sagt er und schenkt Joshua eine davon. Die erste ist gratis.

Wie das Ei, sage ich.

Was war zuerst? Die Henne oder das Ei?, fragt er.

Ich bin hier, um dich rauszuholen.

Die Henne oder das Ei?, wiederholt er und geht weiter.

Ich laufe ihm nach, aber hole ihn nicht ein. Obwohl er ruhig die Strasse entlang schlendert, entfernt er sich von mir. Und obwohl ich gerannt bin, ist Joshua noch immer an meiner Seite und schleckt an seiner Zuckerstange, die nicht weniger wird, bis sie irgendwann einfach verschwindet.

 

Das Mädchen, das auch im Koma liegt, aber noch nicht auf lebensverlängernde Maßnahmen angewiesen ist, verkauft pastellfarbene Cupcakes.

Das Leben ist ein Zuckerschlecken, begrüßt sie uns.

Ich nehme zwei Cupcakes für Joshua und mich. Reiche eine Flasche Apfelsaft über die Theke.

Ich bin hier, um dich zu retten, sage ich. Wir suchen Ada. Sie kann uns helfen, dich hier rauszuholen.

Ada kann man nicht suchen, sagt sie. Ada kann man nur finden.

 

Ich habe alle durch, sage ich in den Hörer. Alle zwölf. Oder sind Neue dazugekommen?

Wir haben den Zugang geschlossen. Nachdem Sie drin waren.

Das grelle Grün in der Heckscheibe. Solange ich im Spiel bin, kommt keiner rein oder raus.

Das Mädchen hängt jetzt auch an Geräten, sagt der Mann. Zustand kritisch. Und ihr Sohn…

Mein Sohn?

Aber er hat schon aufgelegt. Die Zeit läuft mir davon. Nicht in Zirbelberg. In der echten Welt. Nur dort ticken die Uhren.

 

Wir machen eine Wanderung, ganz nach oben.

Darf ich das Pony mitnehmen?

Das ist eine gute Idee, Joshua.

Du bist die beste Mama der Welt!

Keine Ahnung, wie lange der Aufstieg dauern wird. Ob oben auf dem Gipfel überhaupt eine Hütte sein wird. Aber ich habe keine Optionen mehr. Ich habe alle in Zirbelberg befragt. Der Berg ist die letzte Spur. Wir laufen den schmalen Pfad zwischen den Kuhwiesen entlang, das Pony trottet hinterher, mit Joshua auf dem Rücken. Neben uns muhen Kühe, die gemolken werden wollen. Poppen Erdbeeren mit einem hellen Klingeln auf. Wachsen Steinpilze. Ich ignoriere alles, setze einen Schritt vor den anderen, doch der Gipfel kommt nicht näher. Alles wiederholt sich: Kühe, Beeren, Pilze. Kühe, Beeren, Pilze. Nicht ich bewege mich, sondern die Landschaft zieht an mir vorbei und die Landschaft hat einen langen Atem.

Dann endlich treten wir in den Nebel. Hinein in das Weiss. Plötzlich wird es still und erst jetzt fällt mir auf, dass ich, seit ich in Zirbelberg bin, immer eine leise Melodie im Ohr gehabt habe. Jetzt ist da nur noch Rauschen.

Wir sind da, sagt Joshua.

Vor uns liegt die Berghütte. Davor sitzt Ada auf einer Bank.

Na endlich, sagt sie. Ich hab schon gedacht, du schaffst es nie mehr hier hoch.

Steh auf!, rufe ich ihr zu und balle die Fäuste.

Warum?

Ich muss mit dir kämpfen. Ich muss dich besiegen. Darum geht es doch. Du bist der Endgegner.

Ada lacht und ihr lachen tönt bis ins Tal.

In Zirbelberg muss niemand kämpfen! Auch du nicht.

Ada geht auf mich zu, legt den Arm um meine Schultern und führt mich auf einen Felsvorsprung. Unter uns breitet sich das Dorf aus. Seine hübschen Häuser und Gärten, die Kirche und den Marktplatz, die Menschen wie kleine Punkte und doch hat jeder seine Funktion. Jeder seinen Platz. Auch ich.

Sie haben es freiwillig gewählt, sagt Ada. Ich habe niemanden gezwungen. Auch deinen Sohn nicht.

Mein Sohn?

Ich drehe mich um.

Joshua. Nicht mehr der Jungen auf dem Pony, sondern sein blasses Gesicht auf dem Krankenhauskissen. Das Piepsen der Geräte. Das Blinken seines Herzschlags.

 

An den Abstieg erinnere ich mich nicht. Irgendwann sind wir unten. Joshua steht neben mir, den Korb voller Erdbeeren. Ich nehme ihn in den Arm, drücke ihn ganz fest. Pixel in Pixel. Aber die Wärme gehört mir. Aus der Ferne höre ich die Melodie.

Wer will ein Eis?, rufe ich. Alle lieben Eis!

Ich, ruft Joshua.

Ein Telefon klingelt. Ich gehe nicht ran.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Eigen Fleisch und Blut (Kurzgeschichte)