Eigen Fleisch und Blut  

 

Die Ladeklappe schlägt zu. Sofort startet er den Motor. Kein Blick mehr in den Spiegel. Nicht noch einmal den Fehler machen, zurückzuschauen. Er dreht das Radio noch lauter. Trotzdem kann er sie noch hören. Wie sie schreien. Jetzt weiß er, warum. Nur weil er so blöd gewesen ist, in den Rückspiegel zu glotzen. Was hat dich das zu interessieren? Du bist nur der Fahrer. Du musst nur die Ware von A nach B bringen, sonst nichts. Ist doch egal, mit welcher Ladung. Machst den Job ja auch nicht erst seit gestern. Ob Kartoffeln, Klamotten oder toten Fisch. Dafür wirst du bezahlt. Keine Fragen stellen. Gas geben. Rechts abbiegen, los Richtung Autobahn. In acht Stunden muss er an der Grenze sein. Wie viele von ihnen wohl dort lebend ankommen? Letztes Mal waren es 90 Prozent, ein guter Schnitt. Aber die waren älter und es war noch kühler gewesen. Bestimmt zehn Grad weniger.

Verdammt, ich will keinen Ärger, hat er dem Treiber vorm Verladen gesagt. Hörst du?

Dann setzt dich halt ins Fahrerhaus, dreh das Radio auf und halt die Fresse.

Schluss jetzt. Augen geradeaus. An etwas anderes denken. An Zuhause. An Miriam und seine kleine Agnes. Er hat ihr Bild an den Rückspiegel geklebt. Nur deshalb hat sich sein Blick eben dorthin verirrt. Jetzt nimmt er das Foto ab und legt es vor sich auf das Armaturenbrett. Streicht mit dem Daumen über das Gesichtchen seiner Tochter, während er mit der anderen Hand das Lenkrad hält. Als könnte er so ihre Haut spüren. So warm, so weich. Sechs Uhr Dreißig. Noch zu früh, um daheim anzurufen. Später, beim Kaffeestopp. Ein kurzer Video-Call. Nur Hallo sagen. Fragen, wie es läuft. Im Morgengrauen hat er die Wohnung mit keinem guten Gefühl verlassen. Miriam jetzt schon mit der Kleinen allein zu lassen, nur eine Woche nach der Entbindung. Aber es geht nicht anders. Er muss wieder auf die Straße. Sie brauchen das Geld. Das hat Miriam auch gesagt. Doch die weiß nichts von der Ladung. Will auch nichts wissen. Besser so.

Das scharfe Piepen des Verkehrsfunks holt ihn zurück. A6 Hindernisse auf der Fahrbahn. Stockender Verkehr auf der A5. Ein Kilometer Stau an der Ausfahrt Sinsheim. Jetzt schon? So früh am Morgen? Na, das konnte was werden. Bloß keinen Stau. Nicht bei den fast vierzig Grad, die der Wetterbericht vorhergesagt hat. Gleich muss er die Autobahn wechseln. Weiter Richtung Nordost. Noch ist es kühl im LKW, die Klimaanlage hält die Luft erträglich. Aber er riecht schon den Hochsommer. Die Hölle auf der Autobahn. Aber es hilft nichts. Er muss da durch. Und die dahinten auch. Sie schreien. Anders als sonst. Spitzer, schärfer. Weil sie jünger sind als beim letzten Mal. Jünger als je zuvor. Jünger als erlaubt. Aber die Papiere stimmen. Er kann sich keinen Ärger leisten. Nur Abliefern und dann schnell wieder zurück. Zu Miriam, zu Agnes. Der Motor vibriert, die Straße ist frei. Das graue Asphaltband bis zum Horizont. Im Radio läuft Phil Collins. ‘Cause it’s another day for you and me in paradise. Es gibt nur einen Weg geradeaus.

 

Hallo, meine Süße, sagt er und küsst das Display. Sein Kuss bleibt feucht zurück.

Schau, da ist Papa, sagt Miriam.

Aber Agnes schaut nicht, kann noch nicht schauen. In den ersten Wochen können Babys nicht fokussieren, das hat er im Internet gelesen. Sie gähnt und ballt die kleinen Fäustchen. In seinem Herz rührt es. Ein Gefühl, ähnlich wie Schmerz, aber anders. Warm. Golden. Wertvoll.

Morgen ist Papa wieder da.

Er steht vor dem Fahrerhaus, weg von der Ladung. Sie haben aufgehört zu schreien, doch jetzt strecken sie ihre Nasen heraus, durch die Spalten der Bordwand. Warten darauf, dass etwas passiert. Er kippt den letzten Schluck Kaffee, lauwarm und bitter, als es hinter ihm hupt. Ein zerbeulter Fiesta bremst ab, rollt im Schritttempo vorbei.

Mörder, schreit einer aus dem halb heruntergelassenen Fenster. Scheiß Kindermörder! Der Kerl spuckt auf die Straße, direkt vor den Reifen des LKW, dann gibt der Fahrer wieder Gas. Berliner Kennzeichen. Wahrscheinlich Studenten. Haben sie das Logo erkannt? Die Nasen, die aus dem Verschlag herausgucken? Nach Luft schnappen?  

Was war das?, fragt Miriam.

Nur ein paar Spinner, sagt er. Das Übliche halt. Mach dir keine Sorgen.

Er lässt den leeren Pappbecher auf den Boden fallen und kickt ihn weg, dem Fiesta hinterher.

 

Die Klimaanlage rauscht. Das Radio brüllt, fast bis auf Anschlag gedreht. We didn’t start the fire. Er singt mit. Draußen flimmert die Luft auf dem Asphalt. Fata Morganas. Lichtspiegelungen. Die Helligkeit lässt einen Dinge sehen, die nicht existieren. Oder existieren sie doch? Sein Kopf ist schwer, wie immer am Mittag, wenn er so lange unterwegs ist. It was always burning, since the world was turning. Wie gerne würde er kurz ausruhen, aber der Zeitplan gibt es nicht her. Er muss weiter. Und dann, nach der Kurve sieht er es. Blinkende Warnlichter. Autos in drei Spuren. Die LKW-Schlange schon auf dem Standstreifen.

Verdammte Scheiße!

Er schlägt aufs Lenkrad, mit beiden Händen. Bremst ab. Kommt zum Stehen. Und dann unterbricht schon der Triller den Song. Achtung Autofahrer! Auf der A9 Richtung Berlin hat es kurz vor dem Hermsdorfer Kreuz einen schweren Unfall gegeben. Aktuell ist die Autobahn gesperrt. Rettungskräfte sind im Einsatz. Wer kann, nutzt die Umleitung ab Hermsdorf Süd.

Zu spät, du Arschloch!

Er dreht das Radio ab. Danke für Nichts! Vor ihm ein Meer aus grellglänzenden Blechdächern. Elf Uhr ist es. Volle Mittagshitze. Worst Case. Er öffnet die Tür, tritt kurz raus auf die Straße. Als könne er von hier aus mehr erkennen. Die Hitze trifft ihn wie eine Faust mitten ins Gesicht. Raubt ihm den Atem. Sofort steigt er wieder ein und spürt, wie der Straßenbelag an seinen Füßen klebt. Wie der Asphalt schmilzt. Wie der Boden unter ihm weich wird.

Im Laderaum hinten sind es sicher weit über vierzig Grad. Und je länger er steht, je länger es keinen Fahrtwind zur Kühlung gibt, desto heißer wird es. Sie schreien schon nicht mehr. Zu schwach. Haben aufgegeben. Die armen Wesen. Wer kommt auf die beschissene Idee, so eine Lieferung mitten am Tag zu disponieren? Im Hochsommer, genau in der Reisezeit. Warum nicht in der Nacht? Nie mehr wird er für diesen Drecksack fahren, Geld hin oder her. Das ist das letzte Mal. Er greift nach seiner Wasserflasche, trinkt, verschluckt sich. Hustet. Endlich kommt die Autoschlange auf der Spur neben ihm ins Rollen, immerhin. Vans und Kombis kriechen an ihm vorbei, vollbeladen bis unter das Dach. Ein VW Touran mit Panda-Sonnenblenden, die blonde Mutter auf dem Beifahrersitz. Die Kinder hinten. Sie pressen die Gesichter ans Fenster. Große Augen. Entsetzen im Blick. Die Mutter schaut ihn über die Sonnenbrille hinweg an, schüttelt den Kopf, mit gerümpfter Nase. Hass in ihren Augen. Ihr Blick trifft ihn wie ein Blitz. Er duckt sich weg, rutscht tiefer in seinem Sitz, bis er mit den Oberschenkeln unterm Lenkrad klemmt.

Glaubst du, du bist besser als ich? Mit deinem blütenweißen Gewissen hinter getönten Gläsern. Wie einfach doch die Welt durch eine Panda-Sonnenblende betrachtet aussieht. Schwarz und weiß. Gut und Böse.

Dabei sind es doch gar nicht die Lebewesen im Laderaum, die dir leidtun, sondern nur deine eigenen Bälger auf dem Rücksitz. Dass sie so was sehen müssen. So eine Zumutung. Es geht immer nur um die eigene Haut, die man retten will. Das eigene Fleisch. Das eigene Blut.

Und dennoch. Er setzt den Blinker, quetscht sich vorbei an den wartenden LKW und rollt den Rand entlang zum nächsten Rastplatz. Nur einmal nach ihnen schauen. Eine Pause im Schatten. Der Stopp ist bloß eine Ausfahrt in den Wald, nicht mehr als eine Pinkelecke. Nur wenige Autos stehen hier, er rollt ein Stück weiter, dort wo die Bäume dicht stehen und Schatten spenden. Als er aussteigt, schlägt ihm ein stechender Gestank entgegen. Nicht der typische Rastplatz-Geruch nach altem Urin, sondern schwerer, beißender, alles überdeckend. Es stinkt nach Fäkalien, Schweiß, Angst. Die Ladung.

Sein Magen stülpt sich um, der Kaffee schwappt die Speiseröhre hoch. Er zieht das T-Shirt über Mund und Nase. Soll er wirklich reinsehen? Ja, er muss nach ihnen schauen. Mit angehaltenem Atem blickt er durch die Ritzen des Verschlags. Erkennt Schemen. Umrisse. Körper, Köpfe, Beine. Mehr als die Hälfte liegt am Boden, mehr tot als lebendig. Er hört sie noch schnaufen. Keuchen.

Durchhalten, sagt er. Mehr zu sich als zu ihnen. Doch bevor er sich wegdrehen will, sieht er es. Augen. Direkt vor ihm. Er weicht zurück. Braun sind sie. Das Weiß am Rand. Randvoll mit Schmerz. Furcht.

Und plötzlich ist alles wieder da.

Er hat sie gesehen, im Rückspiegel. Die schreienden Mütter, die an den Ketten reißen. Das Metall, das in ihren Hals schneidet. Während ihre Kinder weggebracht werden. Babys, noch warm vom Mutterleib. Augen voller Angst, so wie die eben. Hunderte Augen. Sie treiben sie mit Peitschen und Stöcken die Rampe hoch, mehr, immer mehr. Eng müssen sie stehen, damit sie nicht umfallen während der Fahrt. Auf ihren dünnen, staksigen Beinchen. Sie werden hineingepfercht, enger, noch enger. Müssen sich gegenseitig stützen. Und wenn doch eins hinfällt, zusammenbricht, dann wird es totgetrampelt von den anderen, von seinen Brüdern und Schwestern. Sie trampeln es tot, sie können nichts dagegen tun.

Sie können nichts dagegen tun.

Er dreht sich um, kotzt auf den Waldweg, ein brauner Strahl aus Kaffee, Galle und den Resten des Leberkäsebrötchens vom Frühstück.

Gestützt auf den Knien. Der Boden unter ihm schwankt. Kalt-heiß den Rücken herunter. Er spürt seine Hände nicht mehr. Er sieht nichts mehr, nur noch ein Flimmern. Noch mehr Galle, aus Mund und Nase. Er wankt zurück zum Fahrerhaus. Muss trinken. Ein Schluck Wasser. Die Hände zittern. So kann er nicht weiterfahren. Pause. Nur ein paar Minuten. Das Licht glitzert grün durch die Blätter. Kurz die Augen schließen. Vergessen. Verdrängen. Sein Atem rasselt. Der Hals brennt. Alle Energie fließt aus ihm heraus und er lässt zu, dass es die Bilder wegschwemmt. Das Brummen der Motoren im Standgas steigt auf, verwandelt sich in ein Summen. Eine Melodie. La Le Lu. Sein Arm rutscht herab, der Kopf kippt zur Seite. Er stürzt. Zuckt. Einmal noch. Dann wird alles weich um ihn herum, weich wie die Haut seiner Tochter. Ihr Duft. Keine Angst mehr vor dem Fallen. Lass los.

La Le Lu, nur der Mann im Mond schaut zu.

Er geht einen Gang entlang. Hört sie weinen. Irgendwo dahinten. Ganz leise und schwach. Sie weint schon lange, zu lange. Er kann ihre Erschöpfung hören und er weiß, er muss sich beeilen. Das Weinen ist ein Faden, der sie verbindet und er muss ihm folgen, muss sie finden, bevor sie nicht mehr weinen kann. Bevor er sie verliert. Wo bist du? Er will ihren Namen rufen, aber er kann nicht. Kann den Mund nicht öffnen. Sie hat keinen Namen mehr, wenn er sie nicht rufen kann. Schnell, bevor es zu spät ist. Er muss zu ihr. Aber er kann nicht. Ist angekettet. Kann sich nicht bewegen. Nicht laufen. Und dann sieht er sie. Sie schaut ihn an, durch die Ritzen des Verschlags.

Agnes!  

Er fährt auf. Ist plötzlich wieder in der Welt. Der Wald. Der Parkplatz. Die Straße. Sein Herz rast. Wie viel Zeit ist vergangen? Keine Viertelstunde, sagt die Uhr. Er schaut sich um, der Stau hat sich aufgelöst. War er jemals da? Was ist real? Was noch Tropfen des Traums? Er muss weiter. Weiter. Aber vorher zuhause anrufen. Fragen, ob alles in Ordnung ist. Die Angst verscheuchen. 

Hallo?

Miriam flüstert. Lässt das Handy sinken. Er sieht, wie sie aus dem Raum läuft. Sieht ihr Kinn, die Zimmerdecke des Flurs.

Geht es ihr gut?

Ja, klar. Sie schläft. Sie… Was soll schon sein? Du weckst sie noch auf.

Kann ich sie sehen?

Was? Warum?

Bitte. Nur kurz.

Sie geht wieder zurück. Kopfschüttelnd. Dreht die Kamera. Er sieht das Schlafzimmer. Das Bettchen. Das Mobile mit den Tieren darüber, Hahn, Schwein, Kuh und Schaf, die sich drehen. Und darunter sein Baby. Seine Tochter. Sie ist sicher. Endlich kann er wieder atmen. Das Zittern hört auf. Er greift das Lenkrad. Papa kommt bald nach Hause.

 

Noch ein paar Kilometer bis zur Grenze. Hier franst das Land aus. Kaum noch Autos unterwegs. Die Dörfer werden weniger, seltene, zufällige Farbklekse inmitten der blassgelben Felder. Die Farben herausgedreht, wie auf einem alten, ausgebleichten Polaroidfoto. Als wäre er in die Vergangenheit gereist. Das Radio spielt eine Melodie. La Le Lu. Er wechselt den Sender. Nur der Mann im Mond schaut zu. Aus. Und trotzdem summt es weiter. La Le Lu La Le Lu.

Etwas zieht in ihm. Er weiß, was zu tun ist. Er wusste es schon immer. Keinen Ärger. Niemand wird es merken. Nur eins, maximal zwei. Das fällt keinem auf, nicht bei der Hitze, nicht bei diesem Schwund.

Rechts rausfahren. Erst Bundesstraße, dann Landstraße. Keine Menschen, keine Zeugen. Er parkt den LKW neben einem Maisfeld. Schaltet den Motor aus. Steigt aus, schaut sich um. Kann es hier überleben? Wahrscheinlich nicht. Aber darum geht es nicht. Er will es befreien, nicht retten. Retten will er nur sich selbst.

Er geht um den Lastwagen herum. Diesmal hält er dem Gestank stand. Diesmal ist er vorbereitet. Öffnet die Ladeklappe einen Spalt, ohne hineinzuschauen. Nicht noch mehr Bilder.

Er wartet. Nichts passiert.

Was, wenn keines überlebt hat? Auch die braunen Augen nicht.
Doch dann hört er leises Atmen. Rascheln. Vorsichtige Schritte. Etwas tastet sich vor, zögert, hält inne. Kratzt an der Innenwand.
Ein Fuß schiebt sich ins Freie. Dann ein Köpfchen, rund, mit verstrubbeltem Haar. Oder ist es nur ein Schatten, er kann es nicht genau erkennen. Will gar nicht hinsehen. Aber er muss.

Lauf, sagt er und tritt einen Schritt zur Seite. Hau ab. Los.

Ein dünner Arm huscht ins Helle, wischt sich übers kotverschmierte Gesicht. Blinzelt ins Licht, hebt die Nase, als würde es die Luft prüfen, und weicht wieder zurück.

Dann steht er vor ihm. Klein, schmal, zerbrechlich. Die Beine noch unsicher, die braunen Augen auf ihn gerichtet. Ein kleiner Junge.

Danke, flüstert er.

Und dann – endlich – rennt er los, stolpert die Laderampe herunter, fängt sich wieder und läuft über das Feld. Er sieht ihm nach mit brennenden Augen, bis der Junge nur noch ein Punkt ist am Horizont. Bis dieser Punkt das letzte ist, was er sieht, wenn er die Augen schließt.

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Und wenn sie nicht gestorben ist... (Kurzgeschichte)